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INN EN-DEKORATION
DAS ALTVÄTERLICHE wird oft belächelt, und
sehr häufig ist es auch des Spottes wert. Denn
wenn es eng und verbissen, überängstlich und über-
bedenklich jugendliche Kräfte hemmt, verliert es sein
Daseinsrecht. Wenn es aber nichts anderes ist und be-
deuten will, als bedächtige, betrachtende, sinnende
Ruhe, nichts als tiefbegründetes Gegengewicht gegen
hetzende Unruhe, wird auch der jüngere Mensch, so-
fern er vernünftig ist, das Lächeln unterdrücken, ja
vergessen. Er ahnt den tieferen Sinn und spürt zum
Beispiel, daß die eigene Form, die der Urväter Haus-
rat gehabt und mit besonderer Liebe für die jeweils
älteren Generationen herausgebildet hat, nicht des
Wegwerfens, sondern immer neuer Beachtung und
Weiterbildung wert ist. Mit der Schätzung des guten,
alten, sorgsamen Handwerks ist naturgemäß auch
wieder das Empfinden für Möbel gewachsen, die die-
sem Geist der sorglich gediegenen Ruhe entsprechen,
und wenn etwa ein Lehnstuhl wieder jene Backen
zeigt, daran einst müde grauhaarige Köpfe sich zu
schmiegen gewohnt waren, dann erscheint es auch
heutigen Menschen nicht ungemäß, die eigene und
jüngere Leiblichkeit samt aller Unruhe des Hirns und
des Herzens solchem Lehnsessel anzuvertrauen. Der
Körper spürt in der wohlgefügten, leicht zurückge-
lehnten Gesamtform das behagliche Ruhen, der
Geist und die Seele fühlen das sinnvoll Praktische, zu-
gleich aber sehr deutlich das Eingefügtsein in eine
Überlieferung, der nichts Menschliches fremd, der
keine Lust und kein Schmerz unbekannt ist und die
auch heute die rechte Ruhe und Pause und damit die
Kraft zur neuen Tat zu spenden vermag. - r.
»OHRENBACKENSESSEL« EICHE GERÄUCHERT MIT BLAUEM TIROLER HANDWEBSTOFF
ENTWURF: ARCHITEKT ALBERT HABERER-STUTTGART
INN EN-DEKORATION
DAS ALTVÄTERLICHE wird oft belächelt, und
sehr häufig ist es auch des Spottes wert. Denn
wenn es eng und verbissen, überängstlich und über-
bedenklich jugendliche Kräfte hemmt, verliert es sein
Daseinsrecht. Wenn es aber nichts anderes ist und be-
deuten will, als bedächtige, betrachtende, sinnende
Ruhe, nichts als tiefbegründetes Gegengewicht gegen
hetzende Unruhe, wird auch der jüngere Mensch, so-
fern er vernünftig ist, das Lächeln unterdrücken, ja
vergessen. Er ahnt den tieferen Sinn und spürt zum
Beispiel, daß die eigene Form, die der Urväter Haus-
rat gehabt und mit besonderer Liebe für die jeweils
älteren Generationen herausgebildet hat, nicht des
Wegwerfens, sondern immer neuer Beachtung und
Weiterbildung wert ist. Mit der Schätzung des guten,
alten, sorgsamen Handwerks ist naturgemäß auch
wieder das Empfinden für Möbel gewachsen, die die-
sem Geist der sorglich gediegenen Ruhe entsprechen,
und wenn etwa ein Lehnstuhl wieder jene Backen
zeigt, daran einst müde grauhaarige Köpfe sich zu
schmiegen gewohnt waren, dann erscheint es auch
heutigen Menschen nicht ungemäß, die eigene und
jüngere Leiblichkeit samt aller Unruhe des Hirns und
des Herzens solchem Lehnsessel anzuvertrauen. Der
Körper spürt in der wohlgefügten, leicht zurückge-
lehnten Gesamtform das behagliche Ruhen, der
Geist und die Seele fühlen das sinnvoll Praktische, zu-
gleich aber sehr deutlich das Eingefügtsein in eine
Überlieferung, der nichts Menschliches fremd, der
keine Lust und kein Schmerz unbekannt ist und die
auch heute die rechte Ruhe und Pause und damit die
Kraft zur neuen Tat zu spenden vermag. - r.
»OHRENBACKENSESSEL« EICHE GERÄUCHERT MIT BLAUEM TIROLER HANDWEBSTOFF
ENTWURF: ARCHITEKT ALBERT HABERER-STUTTGART


