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Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 54.1943

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Schumacher, Fritz: Fläche und Raum
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https://doi.org/10.11588/diglit.10969#0105

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INNEN-DE KORATI ON

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belebten Einzelform und wird zu einer heimlichen
Macht. Dieser Vorgang, der verhältnismäßig einfach
zu verfolgen ist, wenn man sich eine eingebaute
Palastfassade etwa aus der Zeit der Hochrenaissance
vorstellt, ist typisch für die Art, wie in der Architektur
ein geistiges Prinzip hinter der sinnlich wirksamen
Form steht. Wir werden sehen, daß es die Architektur
auch in viel komplizierterer und andersartiger Weise
durchdringen kann, aber immer bleibt dies dasselbe,
daß die geometrisierenden Linien, die das Gefüge
eines baulichen Organismus durchdringen, als solche
unsichtbar bleiben, sie dirigieren heimlich die bau-
lichen Dispositionen. Das Festlegen bestimmter Pro-
portionen und ihr Festhalten auch in scheinbar von-
einander unabhängigen Teilen des Bauwerks ist nur
die eine Seite dessen, was einem baulichen Werk den
bestimmten und vor allem den einheitlichen Charak-
ter gibt. Es ist im wesentlichen eine Sache der Flä-
chengestaltung. Bei den meisten Bauwerken bedeu-
tender Natur handelt es sich aber nicht um Fläche,
sondern um kubische Maße, und ästhetisch betrach-
tet ist die Wirkung der kubischen Maße nicht etwa

die Summe der künstlerischen Wirkungen, die auf
ihren einzelnen Flächen erzeugt sind. Etwas ganz
Neues kündigt sich bei kubischen Gebilden an, das
die etwaigen Flächendispositionen übertönt: die per-
spektivische Wirkung, die als Silhouette der Maße
in Erscheinung tritt. Das ist nicht nur an sich
etwas ganz anderes, sondern es ist auch etwas Viel-
deutiges, weil nicht Konstantes, sondern je nach der
Bewegung des Beschauers Wechselndes. Wenn wirk-
lich in den Verhältnissen der Teile zueinander bei
einem reifen baulichen Kunstwerk eine stille Musik
liegt, kann das Werk nicht etwa durch die Art der
Teilung seiner gegeneinander verschobenen Flächen
dieser Musik teilhaftig werden. In der Tat vermag
man bei den Meisterwerken der Baukunst eine ganz
andere Art der Harmonisierung festzustellen. Sie
wird nur verständlich, wenn man bei einem bau-
lichen Werk geistig nicht nur von der Fläche zur
Masse vorschreitet, sondern weitergeht von der Masse
zum Raum. -

(Aus: Fritz Schumacher, »Die Sprache der Kunst«.
Mit Genehmigung der Deutschen Verlags-Anstalt.)
 
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