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INN EN-DE KORATI ON
»arbeitszimmer in einem haus am wannsee« möbel: nussbaum matt mit reicher profilierung
SPRACHE DER WÄNDE
Auch stumpfe Menschen verstehen die Sprache
. der Wände und der Räume, auch die verhärte-
sten Herzen und die beschränktesten Hirne fühlen
sich, selbst wenn sie es bestreiten oder belachen, von
dem berührt, was sie umgibt, und der empfindlichere
kultivierte und geistige Mensch reagiert sehr deutlich
auf jene stumme Sprache: auf die erwärmenden oder
erkältenden, beruhigenden oder erregenden Farben,
auf spielerische oder nüchterne, üppige oder schlichte,
gedämpfte oder lichte Erscheinungsformen der
Wände, von denen er sich umschlossen fühlt. Die
sehr verschiedenartigen Empfindungen und Lebens-
gefühle, die, fernen antiken Göttern, Apoll und
Athene, Eros, Bacchus und all den andern zugeord-
net, bei uns an Wirkung nicht verloren haben, finden
auch in heutigen Räumen ihre geheimnisvoll un-
faßbaren, aber überall spürbaren Entsprechungen.
Wie die Farben und Formen der Hölzer, der Steine,
des Stucks, der Tapeten, der Vorhänge, der Teppiche,
der Möbel, sprechen natürlich auch und noch un-
mittelbarer die Dinge im Raum, denen eine ganz be-
sondere künstlerische Form eigen und daher eine
Ausstrahlung bestimmterer persönlicherer Art ge-
geben ist: zumal die Bilder, die von den Wänden her
ins Zimmer schauen, und die Plastiken, die sich mit
zwingender Gebärde in den Raum dehnen. Aber auch
die Bücher, die uns nicht anschauen, die uns den
Rücken zuwenden, als warten sie, ehrfürchtige Skla-
ven unserer hohen Bedürfnisse, stumm an die Wand
gedrückt, - lassen ihr eigentliches Wesen spüren.
Die Fülle der gedachten und geformten Gedanken,
die dort in Buchstaben und Buchseiten zusammen-
gepreßt, als etwas Wirkliches und Unsterbliches lebt,
strömt leise und unabweisbar zu uns her. Und wenn
in einem Bibliotheks-, Arbeits- und Schreibzimmer
die Wände bis hoch hinauf mit Bücherreihen gefüllt
sind, dann ergibt es sich von selbst, daß auch die
Gedanken und Gespräche der in diesem Raum sitzen-
den Menschen von so etwas wie einer geistigen Ver-
pflichtung bestimmt sind. - st.
INN EN-DE KORATI ON
»arbeitszimmer in einem haus am wannsee« möbel: nussbaum matt mit reicher profilierung
SPRACHE DER WÄNDE
Auch stumpfe Menschen verstehen die Sprache
. der Wände und der Räume, auch die verhärte-
sten Herzen und die beschränktesten Hirne fühlen
sich, selbst wenn sie es bestreiten oder belachen, von
dem berührt, was sie umgibt, und der empfindlichere
kultivierte und geistige Mensch reagiert sehr deutlich
auf jene stumme Sprache: auf die erwärmenden oder
erkältenden, beruhigenden oder erregenden Farben,
auf spielerische oder nüchterne, üppige oder schlichte,
gedämpfte oder lichte Erscheinungsformen der
Wände, von denen er sich umschlossen fühlt. Die
sehr verschiedenartigen Empfindungen und Lebens-
gefühle, die, fernen antiken Göttern, Apoll und
Athene, Eros, Bacchus und all den andern zugeord-
net, bei uns an Wirkung nicht verloren haben, finden
auch in heutigen Räumen ihre geheimnisvoll un-
faßbaren, aber überall spürbaren Entsprechungen.
Wie die Farben und Formen der Hölzer, der Steine,
des Stucks, der Tapeten, der Vorhänge, der Teppiche,
der Möbel, sprechen natürlich auch und noch un-
mittelbarer die Dinge im Raum, denen eine ganz be-
sondere künstlerische Form eigen und daher eine
Ausstrahlung bestimmterer persönlicherer Art ge-
geben ist: zumal die Bilder, die von den Wänden her
ins Zimmer schauen, und die Plastiken, die sich mit
zwingender Gebärde in den Raum dehnen. Aber auch
die Bücher, die uns nicht anschauen, die uns den
Rücken zuwenden, als warten sie, ehrfürchtige Skla-
ven unserer hohen Bedürfnisse, stumm an die Wand
gedrückt, - lassen ihr eigentliches Wesen spüren.
Die Fülle der gedachten und geformten Gedanken,
die dort in Buchstaben und Buchseiten zusammen-
gepreßt, als etwas Wirkliches und Unsterbliches lebt,
strömt leise und unabweisbar zu uns her. Und wenn
in einem Bibliotheks-, Arbeits- und Schreibzimmer
die Wände bis hoch hinauf mit Bücherreihen gefüllt
sind, dann ergibt es sich von selbst, daß auch die
Gedanken und Gespräche der in diesem Raum sitzen-
den Menschen von so etwas wie einer geistigen Ver-
pflichtung bestimmt sind. - st.


