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Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 54.1943

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Kleine Verwandlung
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https://doi.org/10.11588/diglit.10969#0151

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INNEN-DEKORATION

135

MEISTERSCHULE DES DEUTSCHEN HANDWERKS —KÖLN »SCHLAFZIMMERSCHRANK« KIRSCHHOLZ

KLEINE VERWANDLUNG

Gestaltwandel der Menschen, Tiere und Pflanzen,
Verwandlung des Lebendigen - das ist etwas
Allgemeines, dessen man sich kaum je bewußt wird.
Nur selten sieht man klar, wie anders sich das Bild
menschlicher oder tierischer Gestalten darstellt, je
nachdem sie liegen, sitzen, stehen, gehen oder laufen.
Und der Weg von der Knospe zur Blüte streift meist
nur den Rand unseres Bewußtseins. Wenn jedoch
das Starre, von Menschenkunst Gefertigte sich wan-
delt, springt uns das mehr ins Auge. Wir meinen hier
nicht die leisere Verzauberung, die etwa in einem
ruhigen Raum auf unbeweglichen Möbeln vom sich
ändernden Licht, von Dämmerung, Mittagshelle,
Abenddunkel, von natürlicher und künstlicher Be-
leuchtung bewirkt wird - wir denken an die deut-
lichere Verwandlung, wenn etwa ein Möbelstück
(s. S. 133) durch einen einfachen Handgriff in eine
ganz neue Art der Existenz hinübergeführt wird.

Bescheiden an die Wand gelehnt, von menschlicher
Hantierung diskret geschieden steht der Schreib-

Schrank. Er scheint nur Schrank zu sein, er will
nur als sauber geschlossenes Behältnis dienen, viel-
leicht noch als Träger einer Blumenvase, und mit
seinen beinahe oder völlig vertikalen, der Zimmer-
mitte zugewandten Flächen, dem schönen Schimmer
seines gemaserten Holzes nicht zuletzt auch ein
Schmuck des Raumes. Aber wenn die Schreibplatte,
mit einem Griff gesenkt, sich mit gelassener Geste
horizontal in die Luft legt, wenn sich das Innere,
wenn sich Fächer, Schreibgeräte, Papiere einladend
öffnen und darbieten, scheint ein neues Möbelwesen
vor dem Besitzer zu stehen. Sich setzend nimmt
dieser dann völlig Besitz und er läßt sich zugleich
ganz von der greifenden Gebärde des Möbels erfassen,
die ihn liebevoll auffordert, in seine gesonderte
Atmosphäre hereinholt und fester noch als dies ein
Schreib-Tisch vermag, in seinen Bann fügt; so ein-
dringlich und wohltuend, daß der Schreibende sich
mit dem Schreib-Schrank zusammen wie eine natur-
haft innige Einheit empfindet. — s.
 
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