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INNEN-DEKORATION

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dingungen in der Form des Bauwerks untergehen zu
lassen, darauf hin, daß es sich auch hier darum han-
delt, von gewissen gegebenen Voraussetzungen aus
zu einem Resultate emporzusteigen, welches dem
Geiste wirklich angehört, weil es sein eigenstes Er-
zeugnis ist. Erst wenn das Bauwerk der reine Aus-
druck der Form geworden, ist das geistige Geschäft
der Gestaltung an ihm vollendet; erst dann ist es im
höchsten Sinne ein Erzeugnis und ein Besitztum des
menschlichen Geistes . . .«

Weiter heißt es in Fiedlers Bemerkungen »Über
Wesen und Geschichte der Baukunst«: »Das architek-
tonische Denken ist nicht ein bloßes Erfinden und
Kombinieren, auch nicht ein Formen und Gestalten
nach gegebenen Gesetzen, sondern ein Vorgang, der
sein alleiniges Gesetz in sich selbst hat, indem er,
wenn er überhaupt ein Denken heißen will, in dem
Streben bestehen muß, das ihm gegebene Material zu
einem immer reineren geistigen Produkt zu bearbei-
ten. Architektonisches Bewußtsein in künstlerischem
Sinne können wir nur da anerkennen, wo in den For-
men ein geistiger Entwicklungsprozeß sichtbar wird,
wo ein lebendiges Streben nach immer reinerem gei-

stigen Ausdruck in der Entwicklung der architekto-
nischen Formen zutage tritt. Und dabei müssen wir
immer festhalten, daß die Form, von der wir hier als
etwas Geistigem reden, nicht so zu denken ist, als ob
sie ein selbständiges, an keinen Stoff gebundenes Da-
sein haben könne, als ob der Geist eine Form an der
Hand gewisser Regeln und Gesetze bilden und diese
im Bauwerk zum Ausdruck zu bringen, zu verkör-
pern suchen könne; die Form hat vielmehr kein
anderes Dasein als im Stoff, und der Stoff ist für den
Geist nicht bloß das Ausdrucksmittel der Form, son-
dern das Material, in dem die Form überhaupt zum
Dasein gelangt . . .«

Und wenn sich Fiedler gegen den verwirrend bun-
ten Reichtum der Form wendet, wenn nach seiner
Meinung, »in dem immer neu und immer vollkom-
mener gesuchten Ausdruck die gegebenen großen
Formgedanken sich zu immer höherer Vollendung
und Klarheit ausbilden müssen«, wenn er nur so einen
Baustil im eigentlichen Sinne des Wortes entstehen
sieht, dann erscheinen uns solche Äußerungen als
Forderungen, die für immer und nicht zuletzt für uns
Heutige wichtig und gültig sind. - h.st.
 
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