Internationales Kunst- und Auktions-Haus <Berlin> [Hrsg.]
Sammlung Joe Hloucha, Prag: Ostasien, Ozeanien, Afrika, Japanische Graphik ; [3. und 4. Dezember 1930] — Berlin, 1930

Seite: 7
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ist es nicht zu bestreiten, daß diejenigen Holzplastiken, Figuren oder Geräte, die außer
der Echtheit, der Stilreinheit auch noch den Vorzug des absolut hohen Alters haben,
in der Oberfläche oft durch die Spuren des Abgreifens, durch langen Gebrauch, für uns
an Reiz gewinnen. Die „Holzpatina", wie wir sie an manchen Stücken der Sammlung
Hloucha bewundern, jene leicht schimmernde Glätte, übt den gleichen Reiz aus wie die
Bronzepatina. Aber wenn man nun schon alterzerfressene, abgegriffene Stücke den
besser erhaltenen vorziehen will, man mag sich doch hüten, sie allein zu suchen; denn
man hat zu bedenken, daß auch das härteste Holz im feuchtwarmen Tropenklima nur
gar zu rasch dem Untergange verfällt! Man wird also aus tropischen Urwaldgegenden
wohl kaum Arbeiten erhalten, die älter sind als bestenfalls ein paar Jahrhunderte, aber
dieser Fall ist schon recht selten. Würdigt man das, was oben über die Altersbewertung
gesagt wurde, so wird man begreifen, daß es nicht nur dem Ethnologen, sondern auch
dem Kunstfreunde und Sammler in erster Reihe auf die Originalität ankommen muß.
Aber auch rein historisch betrachtet, läßt sich diese Einstellung sachlich begründen.
Die frühesten Süd&eestücke in europäischen Museen stammen noch von den Cook'schen
Expeditionen zu Ende des 18. Jahrhunderts. Wir müssen Stücke aus jener Zeit zu den
größten Seltenheiten im Handel rechnen. Ich glaube kaum fehlzugehen, wenn ich die
schon erwähnte prachtvolle Markesas-Statue zu den Südseestücken frühesten Imports
rechne. Vor allem aber finden wir in der stattlichen Reihe afrikanischer Holzskulpturen
eine große Anzahl von Arbeiten reinsten Stils, urwüchsiger Negerarbeit, die sicher ohne
jeden Gedanken an Fremdenindustrie aus unberührt afrikanischer Psyche geboren wurden.

Wie kommt es, daß heute, nachdem die neoprimitivistische Epoche unserer
bildenden Kunst doch wohl längst verrauscht ist und der „Sachlichkeit", der strengen,
von Uberflüssigkeiten freien Linie Platz gemacht hat, wie kommt es, daß gerade heute
der Geschmack eines kultivierten Publikums an solchen afrikanischen Bildwerken Genuß
empfindet ? Die Antwort lautet: weil die afrikanische „Primitivität", wie wir sie vor
uns sehen, keine absolute ist, sondern nur, von uns aus gesehen, eine relative; weil sie
oft genug keine zufällige, sondern eine aus bestimmtem Stilgefühl gewollte Primitivität
ist; weil sie, mit anderen Worten, nicht mangelndem Können, sondern anderem Sehen
und Empfinden entspringt. Man möge doch nicht glauben, daß die Ähnlichkeit der
Proportionsgestaltung bei manchen afrikanischen Figuren mit derjenigen bei gewissen
gotischen Menschendarstellungen reiner Zufall ist! — Hüten muß man sich davor, die
nationalen Stilunterschiede in Afrika zu übersehen. Afrika ist reich an Rassen und
Völkerstämmen, die Völkerwanderungen und -Verschiebungen im dunklen Erdteil sind
bei weitem noch nicht völlig aufgeklärt. Gerade jetzt ist die neueste Richtung in der
Völkerkunde, die sog. „kulturhistorische", auf dem Wege, mit Hilfe der von Leo
Frobenius begründeten „Kulturkreismethode" einen scharfsinnigen Versuch zur
Entschleierung so mancher Zusammenhänge sowohl innerhalb Afrikas als auch zwischen
Afrika und anderen Erdteilen zu machen. Die Bronzekunst Benins (in der Sammlung
Hloucha nicht vertreten), war schon längst fremdländischer Herkunft verdächtig.
Gerade das in der Kollektion reich repräsentierte Westafrika, um den Golf von Guinea

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