Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
Internationale
^ammter^ifunj
Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.

9. Jahrgang.

Wien, 1. Jänner 1917.

Nr. 1.


Kriegsplakate.
Von Dr. Ottokar Mascha (Wien).

Nicht die Legion von Aufrufen, Verordnungen
und anderen Maueranschlägen, die der Krieg hervor-
gerufen hat, soll hier besprochen werden, sondern nur
das bildmäßige Plakat. Die Kriegsplakate Österreichs,
Ungarns urd Deutschlands, dann, soweit sie bisher
hier überhaupt bekannt geworden sind, auch die der
feindlichen Länder, lassen sich sachlich in vier Gruppen
unterscheiden:
I. In Aufforderungen zur Zeichnung von Kriegs-
anleihen ;
II. in Blätter offiziellen Charakters, die mit anderen
patriotischen Veranstaltungen zugunsten von Kriegs-
fürsorgezwecken direkt Zusammenhängen, z. B. mit
Blumen- und Opfertagen, mit speziell zu diesem Zwecke
veranstalteten Konzert- und Theatervorstellungen und
Kunstausstellungen, Benagelungen u. a.;
III. in gewerbliche Plakate für öffentliche Dar-
stellungen, literarische und musikalische Verlagswerke,
dann für Industrieerzeugnisse, die mit dem Kriege in
einem mehr oder weniger erkennbaren Zusammenhang
stehen. Hiezu kommen noch
IV. als eine ganz besondere, direkt durch, den Krieg
hervorgerufene Gattung die englischen Werbeplakate,
die noch vor Einführung der allgemeinen Wehrpflicht
zum freiwilligen Eintritt in Heer urd Marine auf-
forderten.
1. Von den Blättern der ersten Gruppe sind die in
Österreich und Frankreich entstandenen Plakate die
geschmackvollsten, ja in vielen Fällen sogar künstle-
risch bedeutend. Die Plakate der österreichischen
Kriegsanleihen verdanken ihre Entstehung nicht nur
der Initiative offizieller Stellen, sondern auch dem
edlen Wettstreite der verschiedenen Bankinstitute, um
das Publikum zu bewegen, auf die Kriegsanleihe gerade
bei diesem Bankinstitute zu zeichnen, damit eben
dieses, meistens besonders genannte Institut, in die
Lage komme, das größte Verdienst urd den größten
Gesamtbetrag an Zeichnungen rachzuweisen. Das erste
packende Blatt war hier das Plakat E. Puchingers
für die vierte Kriegsanleihe. Der kühne Held, der vier
Waffen gegen sich gerichtet sieht urd den die ernst-
düster hinter ihm kauernde Mutter Austria beschützt,
erweckt durch die eigentümliche Härte in der Kom-
position und Formengebung die Erinnerung an home-
rische Kämpfe von reckenhafter Größe. Zwei anonyme,

bloß mit dem Monogramm H. b. (oder H. L. ?) bezeich-
nete Blätter, deren eines den zweiköpfigen Adler auf
grünem Grunde, das zweite das Brustbild eines ge-
harnischten Ritters in Profil, blau und schwarz auf
gelb darstellt, dürften viel zum Erfolge der Anleihe
beigetragen haben. Nur bewußter Schund ist immer
anonym. Diese zwei Blätter sind aber durchaus kein
Schund, sondern verraten eine gute Künstlerhand.
Warum sind sie also anonym geblieben ? Bei gewerb-
lichen Plakaten ist der Name eines Künstlers mehr
wert als alle Ausstellungsmedaillen. Warum verstecken
also in Österreich so oft Künstler ihre Namen auf
ihrem Plakat ?
Von Interesse sind zwei Plakate der Prager Kunst-
druckerei Melantrich. Auf dem tschechischen Blatt
fällt es angenehm auf, daß nicht etwa die Wenzelskrone,
sondern die österreichische Kaiserkrone und die öster-
reichischen Reichskleinode abgebildet sind. Auf dem
zweiten steht ein Held vor der österreichischen Land-
karte, die gerade an zwei Stellen als ausdehnungsfähig
behandelt wird. A. Karpellus hat für die Länder-
bank einen mittelalterlichen Fahnenschwinger ge-
zeichnet. Für die fünfte Kriegsanleihe ist die Anzahl
d r Plakate schon bedeutend größer. Darunter Pu-
chingers Blatt mit stürmenden Soldaten. Der braune
Rand bringt das Blatt zu erhöhter Wirkung an der
Mauer gegenüber den Nachbarplakaten. Die Länder-
bank hat ihr Plakat durch A. H. Schram zeichnen
lassen: Austria in Vorderansicht, die in kühner Ver-
kürzung ihr lorbeergeschmücktes Schwert vor sich
ausstreckt. Sehr interessant als Komposition und
Bild, aus der Nähe betrachtet; ist es aber auch dann
klar, wenn der Beschauer weiter zurücktritt ? Ein
mittelalterlicher Trommler von Rauch für den Wiener
Bankverein, ein doppelköpfiger Adler für das Bankhaus
Schellhammer und Schattera, ein geharnischter Ritter
und mehrere einfache Textplakate sind weniger an-
spruchsvoll, aber doch von guter Plakatwirkung.
Die Kriegsanleiheplakate des Deutschen Reiches
zeichnen sich durch auffallenden Puritanismus aus.
,,Zeichnungen auf die Kriegsanleihe werden hier an-
genommen", so lauten sie fast alle. Nichts weiter.
Reine Textplakate in gut leserlicher Bernhardtype,
von Luzian Bernhard signiert, schwarz, rot und weiß,
in kleinem Format. Zwischen den Zeilen könnte man
lesen: Sparen, sparen, sparen!
 
Annotationen