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Internationale
^ammter^ifunj
Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.

9. Jahrgang. Wien, 15. Jänner 1917. Nr. 2.

Kriegsplakate.
Von Dr. Ottokar Mascha (Wien).
(Schluß.)*

Die französischen Plakate für literarische
Erzeugnisse sind schon temperamentvoller und
weniger harmlos als die Plakate für Kriegsanleihen.
Jeanniot zeichnet das Blatt für einen deutschen
Spionageroman „Das Ungeziefer der Welt“, wo ein
Pariser Gendarm zwei deutsche Spione entlarvt, von
denen einer Handbomben unter dem Winterrock
aufgehängt verborgen hält. Das Blatt zeigt nebenbei,
was sich die Franzosen unter dem Begriff „Boches“
vorstellen. Lucien Metivet, der bekannte Pariser
Plakatkünste^ macht das Plakat für einen chauvinisti-
schen Roman „Die Vaterlandsverschacherer“, welches
das Leben und Treiben der in Paris lebenden Deutschen
im Frieden und im Krieg beschreiben soll. Ein deutscher
Diplomat sucht eine patriotische Französin zum Vater-
landsverrat zu überreden, ein anscheinend Wiener
Kapellmeister dirigiert in Paris ein Konzert, ein
deutscher Lakai und ein deutscher Chemiker sind dort
in fester Stellung. Natürlich fehlt auch nicht der durch
Hansis Pamphlet bekannt gewordene deutsche Tourist
Professor Knetschke. Aber im jetzigen Kriege sind alle
diese Männer als Angehörige des deutschen Heeres im
brennenden Paris wieder zu finden.
In den Plakaten für die französische Literatur ist
der tiefgehende Haß gegen Deutschland schon un-
verkennbar. .
Nach einigen giftgeschwollenen französischen An-
sichtskarten zu schließen, die in der Kiiegsgrephik-
ausstellung • des königlichen Landesgewerbemuseums
in Stuttgart im Sommer 1915 zu sehen gewesen
waren, erschien unmittelbar nach Kriegsaasbruch die
französische Kriegsgraphik geradezu pathologisch er-
regt. Scheint da nicht die durch so viele Jahre äußer-
lich zurückgedrängte, aber ununterbiochen fortglim-
mende Revancheidee ihien Paroxysmus gefeiert zu
haben? Die Ansichtskalten des Jahres 1914 aus Frank-
reich und aus dem damals noch „verbündet“ ge-
wesenen Italien veidienen nicht nur aus politischen
Gründen, sondern auch wegen höchster Geschmack-
losigkeit und Niedrigkeit der Gesinnung ihrei Zeichner
der Vergessenheit anheimzufallen. Aber alle diese billigen
und sehr verbreiteten Spottbilder haben gewiß unend-
lich viel dazu beigetragen, um die großen Massen auf-
*) Siehe Nr. 1.

zustacheln und die Volksseele zu vergiften, gewiß
viel mehr, als die allerschärfsten Leitartikel es zu tun
vermocht hätten. Ob damals eben so tiefstehende
Straßenplakate entstanden sind, ist heute hier nicht
festzustellen.
4. Direkte Kuriosa sind die englischen Werbe-
plakate. Fast alle unmittelbar von der Regierung
veranlaßt, tragen sie die Bezeichnung „Veröffentlicht
durch das Parlaments-Rekrutierungs-Komitee Nr. . . .“
Der künstlerische Wert derselben ist gemischt, es
sind recht mittelmäßige Blätter darunter, aber auch
erstklassige, zum Beispiel von Brangwyn.
Arthur War die zeichnet einen großen Löwen auf
dem Felsen mit seinen vier Jungen, also England
und die Kolonien Australien, Kanada, Indien und
Neuseeland. Der Text sagt: Das Kaiserreich braucht
Männer, tretet sofort bei! Ein zweites Blatt bringt
das Bild des Königs und die Landkarte von Groß-
britannien und sagt: Ihr wollt sicher kämpfen für König
und Vaterland; Kommt Jungens, bevor es zu spät
ist! Auf einem dritten Blatt entsteigt die Rache-
göttin dem Meere, auf dem ein großes Schiff mit vier
Schornsteinen untersinkt und eine Menge von Er-
trinkenden und Leichen herumschwimmt. Die Rache-
göttin ballt die eine Faust vor Wut, in der anderen
hält sie den Säbel vor. Ein anderes Blatt: Vier ver-
gnügte junge Soldaten in der schottischen Uniform.
Sie locken: Schreibt Euch ein, Jungens, noch heute!
„Denkt an Belgien und schreibt Euch ein, noch heute!“
ruft ein grimmiger, englischer Infanterist vor einem
brennenden Dorf. Oder auf gelbem Grunde der Schatten-
riß eines englischen Infanteristen: Seid bereit, kommt
sofort! Oder eine aristokratische Mutter mit feinen
Gesichtszügen apostrophiert ihren Sohn: „Geh! Noch
heute! Es ist Deine Pflicht!“ Immer der gleiche Refrain:
Join now!
Die Plakate Brangwyns verraten den Meister-
radierer und sind in Hochätzung wiedergegeben. Ein
Blatt des Künstlers sorgt für die Raucher im Heere.
Im Mittelpunkte einer Marschkolonne zünden sich
einige Soldaten ihre kurze Pfeife an und werden von
ihren Kameraden beneidet, die nichts zum Rauchen
haben. Nach dem Text sorgt Jeder, der an die Tabak-
liga fünf Pfund zahlt, dafür, daß ein ganzes Regiment
täglich genug zu rauchen' hat, wer nur fünf Schilling
 
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