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Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
12. Jahrgang. Wien, 15. Jänner 1920. Nr. 2.
Die Handschriftensammlung der Stadt Wien.

Den Grundstock für die Handschriftensammlung
der Stadt Wien bildete der Nachlaß Franz Grillpar-
zers, den seine Erbin, Katharina Fröhlich, am
24. Mai 1878 der Geburtsstadi des Dichters widmete.
Um diesen unschätzbaren Kern gruppierte sich im
Laufe der Jahre eine reichhaltige und kostbare Samm-
lung von handschriftlichen Nachlässen, einzelnen Hand-
schriften und Briefen. Den breitesten Raum nehmen
die Briefe ein; von den 30.000 Nummern der Hand-
schriftensammlung entfallen auf sie mehr als 25.000,
die alle in einer gewissen Beziehung zum deutschen
Geistesleben stehen. Insbesondere erscheinen in ihnen
alle namhaften deutschen Dichter und Schriftstellei
des letzten Jahrhunderts als Schreiber oder Adressaten
oder mindestens im Texte erwähnt. Es war daher nur
natürlich, daß die Stadtbibliothek, nachdem der Ge-
meinderat den glücklichen Gedanken, die Benützung
der Handschriftensammlung durch Herausgabe ge-
druckter Kataloge zu fördern, gutgeheißen hatte,
mit den Briefen den Anfang machte, die wahre Fund-
gruben für den Forscher sind. Von dem auf 20 Bänden
berechneten Katalogwerk liegt uns nun der erste statt-
liche Band*) vor, der auf 405 Seiten den Inhalt von
mehr als 1200 Briefen wieder gibt. Es sind da unter
anderem vertreten: Ludwig Anzengruber (mit 198
Briefen), Achim von Arnim, Berthold Auerbach,
Franz Abt, Anschütz, Graf Anton Auersperg (Anastasius
Grün) mit 235 Briefen, Bäuerle, Alexander v. Bach und
Balochino.
Die Durchführung der gewaltigen Arbeit wurde
dem Kustos der Städtischen Sammlungen und Vize-
direktor der Stadtbibliothek Ludwig Böck übertragen,
dem als Mitarbeiter für diesen ersten Band zur Seite
standen: Der Kustos der Städtischen Sammlungen
und Vizedirektor des Historischen Museums Dr. Wil-
helm Engimann und der Adjunkt der Städtischen
Sammlungen Dr. Karl Wagner. In welcher trefflichen
Weise sie sich ihrer Aufgabe entledigten, das möge an
einem Beispiel ad oculos demonstriert werden.
Wir greifen aufs Geratewohl einen Brief Anastasius
Grüns an den Dichter Bauernfeld heraus, dessen Inhalt,
wie folgt, skizziert wird:
Auersperg, Anton Graf, an Eduard v. Bauernfeld. —
Paris, am 4. Dezember 1837. Innigstgeliebter, theuerer Freund!
Du siehst, ich halte Wort. . gez.: Unveränderlich Dein treuer
Freund A. Auersperg. — 3. S. 4° und Adr.
*) Handschriftensammlung der Wiener Stadtbibliothek.
Beschreibendes Verzeichnis der Briefe. Herausgegeben von der
Gemeinde Wien. 1. Band. Abegg bis Balochino. 1919. Ger-
lach & Wiedling, Kommissionsverlag der Stadt Wien.

Anschr.: A Monsiuer le Chevalier Edouard de Bauern-
feld etc. a Vienne (Autriche) in J. P. Sollingers Buchhand-
lung, Bäckerstraße. — Fährt in seiner Olla potrida fort, ohne
erst Adolfs (von Herz) Antwort auf seine an diesen und alle
Lieben gerichteten Zeilen abzuwarten. Teilt seine bisherigen
theatralischen Erfahrungen mit. Er sah im Theätre du palais
royal, das er vorzüglich liebt, „La comtesse du tonneau“,
Geschichte einer Cousine der Dubarry (du baril), eine Rolle,
die von der bekannten Dejazet mit großer Laune, Lebhaftig-
keit, aber auch Unverschämtheit gegeben wurde, in einer
Art, daß er lebhaft an die Krones, mit der auch das Äußere
viel Ähnlichkeit hat, erinnert wurde; „Ma maison du Pecq",
eine Persiflage der Eisenbahnangelegenheiten nach St. Ger-
main, „Le cafe des comediens“, eine dramatische Szene aus
Paul de Kocks „Zizine“. Im Theätre des Varietes: „Le pere
de la debutante“, worüber er an Adolf berichtet. Im Theätre
du Vaudeville: „Vouloir c'est pouvoir“, dramatische Anekdote
aus dem Leben K. Carlos II. von Spanien; „Lefor —■ 1‘Evecque",
sehr unterhaltend, aber voll lasziver Situationen; „Pecherel
Tempailleur“, unbedeutend; „Un bal du grand monde", sehr
charakteristisch und unterhaltend; Arnal ausgezeichnet, über-
haupt einer seiner Lieblinge; „Coucons et wagons“, Parodie
auf Eisenbahninteressen, voll lokaler Anspielungen. Im
Theätre du Gymnase dramatique: „Le gamin de Paris";
die Darstellung des berühmten Gamin durch Bouffe gehörte
zu seinen höchsten Genüssen; ist gespannt, den Gamin in
Wien zu sehen; „La fille d‘un militaire", Rührstück, nicht für
seinen Gaumen. Im Theätre funambule, einem der verrufensten
kleinen Boulevardtheater, sah er eine Parodie auf die „Guerre
des servantes" und verhinderte mit Mühe einen Hinauswurf,
veranlaßt durch eine Bemerkung des Cousin Maui (Emanuel
R. v. Neuwall). Im Theätre du cirque olympique (Franconi):
Dzenguiz — Kan", worin Pferde die Hauptrolle spielen, und
„Constantine"; interessant war ihm die Ermunterung, die
das Publikum der Armee zollte. In der Opera des Italiens:
„II barbiere di Seviglia", Hauptrollen: Grisi, Tamburini,
Rubini. —- Fortsetzung, datiert 7. Dezember: Wurde durch
die Leichenfeier des Generals Damremont unterbrochen,
der -er im Hotel des Invalides beiwohnte, sowie durch eine
etwas besondere Intrige, die sich zur schriftlichen Mitteilung
kaum eignet. Inzwischen sah er noch im Palais Royal: „Su-
zanne", ein ganz neues Stück, worin eine Stumme (Dejazet)
die Hauptrolle hat, und „Clementine"; beide Stücke ziemlich
wertlos, aber gehalten durch das ausgezeichnete Spiel, nament-
lich letzteres durch Levasseurs, der in Geckenrollen ausge-
zeichnet ist. Im Theätre frangais: „La Camaraderie" von
Scribe. in Wien Gönnerschaften genannt; begreift nicht,
wie das Stück, das durchaus nur auf politischen Lokalverhält-
nissen beruht, in Wien richtig aufgefaßt werden könnte. —
Zu seinen interessantesten hiesigen Bekanntschaften gehören
Dr. Koref und Heine. Ersterer ist jetzt in einen für keine Partei
 
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