DANNECKER UND SEINE BEZIEHUNGEN ZU RUSSLAND
VON
GUSTAV E. PAZAUREK
ls Goethe auf seiner Schweizer Reise am 3o. August 1797 den bedeutendsten Plastiker,
XX den Stuttgart hervorgebracht, nämlich den herzoglichen Professor Johann Heinrich
Dannecker, in seinem Schloßatelier aufsuchte, sah er da nicht nur die Gipsmodelle von
Hektor und Paris, von der liegenden Sappho, die bereits in Marmor angefangen war,
das Selbstporträt des Künstlers, alle heute im Museum der bildenden Künste in Stuttgart,
ferner verschiedene „recht artig gedachte“ Kleinigkeiten hauptsächlich für die Ludwigs-
burger Porzellanfabrik, das reizvolle, um einen toten Vogel trauernde Mädchen, den
Originalausguß der 1794 nach dem Leben modellierten, ersten, ganz vorzüglichen Scliiller-
büste, sondern auch „das Gipsmodell eines Kopfes vom gegenwärtigen Herzog, der be-
sonders in Marmor sehr gut gelungen sein soll“ — also eine stattliche Reihe verschieden-
artiger Werke, welche sein Gesamturteil: „als Künstler und Mensch eine herrliche Natur“
vollauf rechtfertigen.
Herzog von Württemberg war damals Friedrich Eugen (geb. 1732), der 1795 seinem
Bruder Ludwig Eugen nach dessen nur zweijähriger Regierungszeit auf den Thron
folgte, ehedem ein schneidiger preußischer Heerführer, der 1760 seinem ältesten Bruder,
dem Herzog Carl Eugen (1737—93) bei Köthen eine empfindliche Schlappe beigebracht
hatte, damals jedoch — wie Goethe an seinen Herzog nach Weimar wenige Tage später
berichtete — „nach dem Schlagflusse, der ihn im Juni des vorigen Jahres traf, nur noch
so leidlich hinzuleben“ schien, während die Franzosen unter Moreau und Vandamme
auf der einen Seite, die Österreicher unter Erzherzog Karl auf der anderen Seite das
noch kleine württembergische Ländchen arg lieimsuchten und der „korpulente Erbprinz“
und spätere Kurfürst und König Friedrich (geb. 1754), so gut es ging, die Zügel der
Regierung in der Hand hielt. „Er hat“ — schreibt Dannecker ein halbes Jahr später an
Goethe — „weit mehr Gefühl und Verstand vor die Kunst, als sein Vatter, denn der
hatte weniger als nichts.“ Dieses nicht sonderlich schmeichelhafte Urteil über seinen
Landesherrn muß man sich vor Augen halten, wenn man mit unserem Künstler mitfühlen
will, dem es keine allzu stolze Genugtuung gewesen sein kann, gerade diese Persönlichkeit
VON
GUSTAV E. PAZAUREK
ls Goethe auf seiner Schweizer Reise am 3o. August 1797 den bedeutendsten Plastiker,
XX den Stuttgart hervorgebracht, nämlich den herzoglichen Professor Johann Heinrich
Dannecker, in seinem Schloßatelier aufsuchte, sah er da nicht nur die Gipsmodelle von
Hektor und Paris, von der liegenden Sappho, die bereits in Marmor angefangen war,
das Selbstporträt des Künstlers, alle heute im Museum der bildenden Künste in Stuttgart,
ferner verschiedene „recht artig gedachte“ Kleinigkeiten hauptsächlich für die Ludwigs-
burger Porzellanfabrik, das reizvolle, um einen toten Vogel trauernde Mädchen, den
Originalausguß der 1794 nach dem Leben modellierten, ersten, ganz vorzüglichen Scliiller-
büste, sondern auch „das Gipsmodell eines Kopfes vom gegenwärtigen Herzog, der be-
sonders in Marmor sehr gut gelungen sein soll“ — also eine stattliche Reihe verschieden-
artiger Werke, welche sein Gesamturteil: „als Künstler und Mensch eine herrliche Natur“
vollauf rechtfertigen.
Herzog von Württemberg war damals Friedrich Eugen (geb. 1732), der 1795 seinem
Bruder Ludwig Eugen nach dessen nur zweijähriger Regierungszeit auf den Thron
folgte, ehedem ein schneidiger preußischer Heerführer, der 1760 seinem ältesten Bruder,
dem Herzog Carl Eugen (1737—93) bei Köthen eine empfindliche Schlappe beigebracht
hatte, damals jedoch — wie Goethe an seinen Herzog nach Weimar wenige Tage später
berichtete — „nach dem Schlagflusse, der ihn im Juni des vorigen Jahres traf, nur noch
so leidlich hinzuleben“ schien, während die Franzosen unter Moreau und Vandamme
auf der einen Seite, die Österreicher unter Erzherzog Karl auf der anderen Seite das
noch kleine württembergische Ländchen arg lieimsuchten und der „korpulente Erbprinz“
und spätere Kurfürst und König Friedrich (geb. 1754), so gut es ging, die Zügel der
Regierung in der Hand hielt. „Er hat“ — schreibt Dannecker ein halbes Jahr später an
Goethe — „weit mehr Gefühl und Verstand vor die Kunst, als sein Vatter, denn der
hatte weniger als nichts.“ Dieses nicht sonderlich schmeichelhafte Urteil über seinen
Landesherrn muß man sich vor Augen halten, wenn man mit unserem Künstler mitfühlen
will, dem es keine allzu stolze Genugtuung gewesen sein kann, gerade diese Persönlichkeit


