Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 15.1894

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JOST BURGI, KAMMERUHRMACHER KAISERS RUDOLF II.

Beiträge zu seiner Lebensgeschichte und Nachrichten über Arbeiten desselben.

Mitgetheilt von

C. Alhard von Drach.

n seiner Schrift über den im Jahre 1600 erschienenen »neuen Stern« im Schwan
hat Kepler die Erwartung ausgesprochen, man werde einst den kaiserlichen
Kammeruhrmacher Jost Burgi als nicht geringeren Koryphäen in seiner Kunst
feiern denn Albrecht Dürer, dessen Ruhm ja auch von Tag zu Tag wachse, in
der Malerei.1 Ganz so, wie es der damals mit Burgi zusammen am Hofe Rudolf II.
zu Prag bedienstete Entdecker der nach ihm benannten Gesetze für die Planeten-
bewegung gedacht hatte, ist diese Vorhersagung zwar nicht in Erfüllung gegangen;
sie hat sich jedoch besser bewahrheitet als manches andere von Kepler pflichtschuldigst gelieferte und
überzeugungsvoll vorgetragene Prognostikon über Witterung und Ereignisse des künftigen Jahres oder
über die Wirkungen eines erschrecklichen Himmelszeichens. Ist doch Burgi nicht nur nicht der Ver-
gessenheit anheimgefallen sondern erst jetzt, nach fast dreihundert Jahren, seinen Verdiensten ent-
sprechend gewürdigt worden.

Burgi's Geschicklichkeit als Uhrmacher, welche Kepler so rühmend hervorhebt, hat dies in-
dessen nicht verursacht; erhalten gebliebene Uhren haben wohl vermocht, den Klang seines Namens
auf die Nachwelt zu bringen; zu einer Berühmtheit von eigentlicher Bedeutung und bleibendem Be-
stände konnten sie dem Meister aber nicht verhelfen. Dies bewirkten vielmehr zwei der reinen Mathe-
matik, worin Burgi nach Kepler's Urtheil manchen gelehrten Professor an Wissen und Scharfsinn
übertraf, angehörige Leistungen, die Ausbildung der Decimalbruchrechnung und die Aufstellung
von Logarithmen. Beide uns heute so unentbehrlich erscheinenden und allen Gebildeten geläufigen
arithmetischen Hilfsmittel hat Burgi geliefert, ohne dass es ihm vergönnt gewesen wäre, den Ruhm
dafür bei Lebzeiten zu geniessen. Hiedurch hat sich der schlichte Uhrmacher, welcher nicht einmal eine
richtige Schulbildung genossen hatte, einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der Wissenschaft er-
worben und gesichert und so ist Kepler's Prophezeiung zur Thatsache geworden.

Blieb es, weil diese Entdeckungen Burgi's bei den Zeitgenossen nicht die gebührende An-
erkennung gefunden hatten, einer späteren Zeit vorbehalten, seine Verdienste zu würdigen und ihm zu
seinem Rechte zu verhelfen, so kann es nicht auffallen, dass man sich vordem auch um die Geschichte
seines Lebens und seines Schaffens wenig gekümmert hat. Manches den Meister betreffende Acten-
stück blieb unbeachtet und verkam später unbenützt. Ueber sein Leben machten eigentlich nur die
hessischen Localhistoriker einige zuverlässige Angaben, die dann in die betreffende Fachliteratur über-

1 Die betreffende Stelle lautet im Original: Alter quem ego novi est Justus Byrgius, sacrae caesareae majestatis
automatopoeus; qui licet expers linguarum rerum tarnen mathematicarum scientia et speculatione multos earum pro-
fessores facile superat. Praxin vero sie peculiariter sibi possidet, ut habitura sit posterior aetas, quem in hoc genere
coryphaeum celebret non minorem quam Durerum in pictoria, cujus crescit occulto velut arbor aevo fama. Vgl. Joannis
Kepleri astronomi opera omnia, edidit Dr. Chr. Frisch, Vol. II, p. 769.
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