Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 16.1895

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Karl Domanig.

Die Kunstthätigkeit P. FlÖtner's schildert uns Neudörfer, der, wie sich zeigen wird, dem
Künstler persönlich nahestand, wie folgt (a. a. 0., S. 115): »Was für klein ding dieser Flötner gemacht
hat, das zeigt noch heutigs tags seine arbeit an. Er machte aber und schnitt an einem kühhorn n3 ver-
änderliche angesichter von manns- und Weibspersonen; er schnitt auch an die corallenzinken thierlein
und müschelein, als wären sie daran gewachsen. Seine lust aber in täglicher arbeit war in weissen stein
zu schneiden; das waren aber nichts anders dann historien, den goldschmiden zum treiben und
giessen, damit sie ihre arbeit bekleideten, geordnet. In perspectiv und masswerk war er also erfahren,

dass ich achte, so nebenbemeldter Veit Stoss
gelebt hatte,2 er würde ihm den preis zuge-
lassen haben, und wo er einen Verleger gehabt
hätte, würde er in grossen werken nicht weniger
dann in kleinen dingen gewaltig gewest sein,
wie dann das steinerne camin in des Hirsch-
vogels haus am Schwabenberg wol zeugniss
giebt. Den mehrern theil seiner kunst und
arbeit hat Jakob Hoffmann, goldschmid, von
ihm erkauft. —Was aber dieser Flötner für sich
selbst gemacht hat oder machet, das mussten
eitel, wüste und abscheuliche angesichter und
gemäld in form der langen creuzfahrten von
mönchen, nonnen und pfaffen, die er gerissen
und in druck geben hat, sein.«

In seinem Berichte über Melchior Bayr,
Goldschmied, thut Neudörffer (S. 125) unseres
Meisters abermals Erwähnung: Bayr habe dem
Könige von Polen eine ganz silberne Altartafel
gemacht, die viele Mark gewogen. »Zu solcher
tafel machet Peter Flötner die patron und
figuren von holz; aber Pancraz Labenwolf goss
dieselben hölzernen patronen von messing;
über diese messigene tafel wurden die silbernen
platten eingesenkt und getrieben.« Es ist dies
das Altarwerk in der Jagellonischen Capelle
im Dom zu Krakau. J

Sandrart1* wiederholt beinahe wörtlich den Bericht Neudörffer's, fügt aber hinzu: »So sind auch
sehr viele curiose contrafacte von ihm in stechstein gemacht mit grosser emsigkeit und (welche) in des
erzherzogs Leopolds Wilhelms cabinet sowie auch bei vielen anderen zu sehen sein.«

Fig. 1.1

1 Nachbildung des in der Albertina befindlichen Kupferstiches, welchen Panzer, Verzeichniss von Nürnbergischen
Portraiten, 1790, S. 65 aufführt.

2 Veit Stoss war, mehr als 80-, nach Anderen 95jährig, im Jahre 1533 gestorben; daraus scheint hervorzugehen,
dass Neudörffer die Hauptthätigkeit Flötner's in eine Zeit nach dem Jahre 1533 verlegt.

i Die Capelle Hess König Sigismund I. im Jahre 1520 durch Meister Bartholomäus von Florenz errichten, »ein wahres
Prachtstück der Renaissance«. »Der Altar der Capelle ist ein hübscher kleiner Flügelaltar im Renaissancestil. Die Flügel
sind äusserlich mit Gemälden bedeckt, die noch mittelalterlichen Charakter haben und mitten zwischen Deutschland und
Italien zu stehen scheinen. Das Innere ist mit silbernen Reliefs angekleidet, stellt die Geschichte der heiligen Jungfrau, ihrer
Mutter Anna, der Heiligen Elisabeth und Zacharias, St. Stanislaus und Adalbert dar; der Altar soll Sigmunds Feldaltar ge-
wesen sein.« Erectum 1538. Essenwein, Mittheilungen der Central-Commission, I. Folge, X. Bd., S. 64. Dass die Reliefs von
Flötner herrühren, scheint Essenwein entgangen zu sein. — Wenn von anderer Seite behauptet wird, dieselben hielten
sich »meist mehr oder weniger stark an Vorbilder von Albrecht Dürer«, so muss dem widersprochen werden. Uebrigens
kann ich den Wunsch nicht unterdrücken, dass der Krakauer Altar in würdiger Weise publicirt werden möge.

4 Ternsche Academie, II (1675), S. 23o f.

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