Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 20.1899

Seite: 131
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1899/0139
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Die Zimmern'schen Handschriften der k. k. Hof bibliothek.

i3i

Tab. codd. 304g, Ambras 246, alte Bezeichnung: Philos. 12.
Papier, 147g, 171 Blätter, 422 X 295 Mm., mit colorirten Federzeichnungen.
I. fol. 1—114: Konrads v. Ammenhusen: Schachzabel, fol. 114' leer.

II. fol. 115—141: Jacobus de Cessolis: Das Buch vom Schachspiel oder das Buch menschlicher
Sitten und das Amt der Edlen, fol. 141' leer.

III. fol. 142 —171: Ingold : Das guldine Spiel oder die sieben Hauptspiele.

16 Sexternen; voraus geht eine leere Lage; zum Schlüsse acht leere Blätter. Zwei Columnen zu je 46 Zeilen.
Reclamanten. Bei der Foliirung ist das auf fol. 3g folgende Blatt irriger Weise ausgelassen.

Das erste Werk endet: »Deo gratias, lob sey gott dem vattr, gott dem sun, gott dem hailigen gaist« ; das
zweite: »Hie endet sich das buch menschlicher sitten und das ampt der edeln. 1479«; das dritte: »Geschriben
von Gabrielo Sattler von Pfullendorf an dem ingenden tag dess höwmonats, als man zallt von der gepurt Cristi
tusend vierhundert sibenzig und nun jar.« Alle drei Werke
sind von einer Hand geschrieben, alle drei mit colorirten
Federzeichnungen geziert.

fol. 1. Das Zimmern'sche Wappen: Auf blauem
Schild den springenden goldenen Löwen mit rothen Klauen
nach links, die Streitaxt in den Pranken, als Helmzier ein
rother Hirsch mit überlangem Halse und goldenem Ge-
weih, rothe Helmdecken. Der den Hirsch anspringende
goldene Löwe ist eine nicht zum Wappen gehörige de-
corative Beigabe. Dies ist das freiherrlich Zimmern'sche
Wappen vor deren Erhebung in den Grafenstand (24. Mai
1538; vgl. Fig. 15, Schlussvignette), fol. 98'. Das gräflich
Oettingen'sche Wappen.1 Aus der Zimmern'schen Chronik
ist bekannt, dass Gabriel Lindenast aus Pfullendorf, dessen
Identität mit Gabriel Sattler aus Pfullendorf bereits fest-
gestellt wurde, im Auftrage Johann Werners von Zimmern
Bücher für dessen Bibliothek schrieb. Johann Werner der
Aeltere war mit der Gräfin Margarethe von Oettingen ver-
mählt; dies erklärt das Oettingen'sche Wappen auf fol. 98'.
An sonstigen Abbildungen finden sich, dem Texte Ammen-
husens entsprechend, die einzelnen Schachfiguren als
Stände des Reiches: der König (fol. 12'), die Königin (19),
der Läufer als Richter (25), das Ross als Ritter (35), der
Thurm als Landvogt (46'), die acht Bauern als Bauersmann
(57'), Schmied (64), Handwerker (auch Schreiber), der
nebst Scheere und Messer am Gürtel ein Tintenfass, einen
Federbehälter und hinter dem Ohre eine Feder trägt (66';
vgl. Fig. 1), Kaufmann (76'), Arzt (86), Wirth (91'), Stadt-

thorwart (95'), Bote des Landvogts (99'). Die Attribute der Stände sind dem Texte Ammenhusens genau ent-
sprechend dargestellt. In dem folgenden Werke Cessolis finden sich dieselben Schachfiguren (fol. 116, 117', 119',
121, 123', 127, 128, 129, i3i, 132', 134, 135 und i36), hiezu noch ein Schachbrett (137) und der schwarze König
(Mohrenkönig i38).

Im Werke Ingolds »Die sieben Hauptspiele« kommen die Schachfiguren bei dem Schachspiele theilweise
zum dritten Male (fol. 141, 146, 148, 150', 152', 154) wieder, hierauf eine Darstellung des Brettspieles (fol. 159),
das Würfelspiel (161), das Kartenspiel (164'), der Tanz (167'), das Scheibenschiessen (169), das Saitenspiel (170).

Die Miniaturen sind ohne künstlerischen Werth, in Wasserfarben ausgeführt, die Schatten vielfach in
Holzschnitttechnik durch Schraffen, auch durch färbige Schraffen wiedergegeben. Die einzelnen Schachfiguren,
dreimal vorkommend, sind in der Darstellung variirt. Diese Typen sowie die Abbildungen der Spiele sind vom
culturhistorischen Standpunkte und mit Rücksicht auf Costüme, Geräthe und Sitten von grossem Interesse.

Gabriel Lindenast-Sattler hat eine sehr charakteristische, deutlich lesbare, gute Schrift; weniger zu rühmen
ist die Correctheit seiner Abschriften. Besonders eigenthümlich sind seine Initialen, die in sechs seiner Hand-
schriften gleichmässig wiederkehren. Diese Sattler'schen Initialen stehen stets in der ersten Zeile einer Columne;
es sind bis zu 5 Cm. hohe Buchstaben, mit schwarzer Tusche angelegt, von phantastischer, barocker Form, öfter,
aber nicht immer, mit farbigen Ornamenten und Carricaturen ausgestattet. Er bringt diese Initialen rein orna-
mental am Anfange einer Zeile, auch mitten im Satze an, ohne Rücksicht auf den Inhalt. Dass er diese Initialen
selbst gemalt hat, ist daraus zu entnehmen, dass sie mit einer Ausnahme in allen seinen Handschriften und nur
in seinen Handschriften vorkommen, dass er für Versalien sonst regelmässig den Buchstaben für den Initialen-

Fig. 1. Handwerker und Schreiber

aus Ammenhusens Schachzabel.

(Zimmern'scher Katalog, Nr. 5.)

1 Bezüglich der Beschreibung dieses Wappens vgl. Fr. X. Wöber, Die Miller von und zu Aichholz I.
Zürich, Wien, Holder, 1893, S. 61.

Die Müller von

17*
loading ...