Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 21.1900

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EIN KUNSTSAMMLER IM ALTEN WIEN.

Von

Robert von Schneider.

Der Mann, von dem hier die Rede
ist, dankt dem Besitze einer berühmten
Antike, dass man sich seiner heute noch
häufig erinnert, obgleich er schon vor
mehr als achtzig Jahren von dieser Erde
geschieden ist. Was er als praktischer
Arzt und akademischer Lehrer gewirkt
hat, ist, wenn nicht vergessen, doch
wohl nur Wenigen bekannt. Dass ihn
aber ein günstiges Geschick zur Stelle
sein liess, als unsäglicher Unverstand
den herrlichen Torso des Ilioneus, der
heute die Glyptothek in München ziert,
aus kaiserlichem Besitze verschleuderte;
dass er Kenner genug war, in einer Stadt,
in der das Verständnis der Kunst gänz-
lich erstorben schien, den Marmor Hän-
den zu entreissen, die eben daran waren,
ihn als Rohmateriale zu verarbeiten;
dass er später das Glück hatte, in dem
Kronprinzen von Bayern, dem nachmali-
gen Könige Ludwig .1., den enthusiasti-
schen Sammler zu finden, der das von
ihm um wenige Gulden erworbene
Fig. i. Barths Bildnis nach Füger. Meisterwerk griechischer Skulptur mit

ebensoviel tausend Dukaten bezahlte,
das hat Josef Barths Namen in Aller Mund und auf die Nachwelt gebracht. Mit Unrecht insofern,
als diese Episode eines an Arbeit und Erfolg reichen Lebens, das sich nach vielen Seiten fördernd und
hilfreich bethätigte, das Interesse seiner Persönlichkeit nicht erschöpft. Gute Geschäfte zu machen, war
sonst seine Sache nicht. Nach den wenigen Berichten seiner Zeitgenossen muss Barth eine durchaus ori-
ginelle Natur gewesen sein und nicht blos nach dem Zeugnisse seines Schülers Josef Beer, den man
als ihm verpflichtet und allzunahe stehend vielleicht befangen finden kann, sondern auch nach dem,
was sein berühmtester Nachfolger auf dem anatomischen Lehrstuhle der Wiener Universität, Josef
Hyrtl, von ihm schreibt, war er ein ausgezeichneter Anatom und Ophthalmologe, der den Ruf des
besten seiner Zeit in ganz Deutschland hatte. Und das dem Gelehrten gespendete Lob ist auch dem
Menschenfreunde, der er war, nicht vorzuenthalten. Nichts weniger als auf materiellen Gewinn be-
dacht, vielmehr von den philanthropischen Ideen seines Jahrhunderts erfüllt, hat Barth zahllose
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