Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 22.1901

Seite: 184
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Hermann Dollmayr.

Geberde des Sprechens erhoben, in der Zeichnung liegt sie auf dem Schenkel. Die Linke hat den Zwei-
zack in die Hand bekommen, ist jedoch sonst unverändert geblieben. Ferner wurde der Thron etwas
anders gestaltet und der Cerberus hinter diesem liegend dargestellt, die einzige bemerkenswerthere
Veränderung. Im Uebrigen ist jedoch der Hund ganz gleich mit dem des Reliefs gebildet.

Von Sim. Watts ist eine leicht lavierte Federzeichnung gestochen, die Giulio nach dem be-
kannten Münztypus der Securitas gezeichnet hat, von seiner Hand als «Victoria» bezeichnet.

Unter den von Molinari nach Giulio gestochenen Zeichnungen in Florenz befindet sich ferner
eine Federzeichnung nach der im Palazzo Giustiniani aufgestellten weiblichen Gewandstatue (vielleicht
einer Geres: Clarac, pl. 422, 746). Giulio hat sie aber nur bis unter die Kniee gezeichnet.

Offenbar nach der Selene eines Endymionsarkophages ist eine Federzeichnung Giulios, die
N. Strixner lithographiert hat. Das bestimmte Original dafür aufzufinden, gelang mir aber bei dem mir
zugänglichen Material ebenso wenig als bei einer zweiten, wahrscheinlich ebenfalls nach der Selene
eines Endymionsarkophages gefertigten Zeichnung einer weiblichen Figur, über deren Haupt sich das
Gewand bogenförmig wölbt und die von einem Amor an ihrem Kleide fortgezerrt wird. Solche Sarko-
phage waren ja schon zu Giulios Zeiten nicht selten, so dass er leicht den einen oder den anderen ge-
zeichnet haben kann.

In das Malerwerk Giulios in der Albertina in Wien finde ich noch eine Lithographie nach einer
unzweifelhaft echten Federzeichnung Giulios eingereiht, ohne jede Bezeichnung, so dass es mir nicht
gelingen konnte, etwas Näheres über sie zu erfahren. Sie zeigt uns eine offenbar antike Statue in dem
Typus der Livia.

Unter den dem Raffael zugeschriebenen Zeichnungen der Albertina befindet sich unter Römische
Schule Nr. 217 die Studie zu einer Judith. Eine in ein langes faltiges Gewand gehüllte Frauenfigur
mit halbentblösster linker Brust hat in der linken Hand den Kopf des Holofernes, den rechten Arm
mit einem undeutlichen Gegenstande hoch erhoben. Links von der Figur ist dieser Arm nochmals ver-
grössert gezeichnet. Der ganze Typus der Zeichnung lässt die Hand Giulios erkennen.1 Die Haltung
der Figur aber, welche sich leicht auf die linke Seite neigt, der Fall des Gewandes und der Zug der
Falten sowie das Freilassen der linken Brust stimmen auffällig mit der bei Labus I, XVII abgebildeten
antiken Venusstatue der Akademie zu Mantua überein, nur dass die Füsse der Figur näher zusammen-
gestellt sind. Der Statue fehlen Kopf und Arme, die Giulio für seine Zwecke ergänzte.

Für die linke Karyatide der Vorderseite vom Grabmal des Pietro Strozzi in S. Andrea zu Mantua,
das im Jahre 1571 nach Giulios Zeichnungen errichtet wurde, copierte Giulio genau eine antike
Karyatide, die sich noch heute zu Mantua befindet (abgebildet bei Labus II, 42; Clarac 506 B, 1054 B).
Otto Benndorf machte darauf in seinem Aufsatze »Die Karyatiden in Venedig und Rom« (in der Arch.
Zeitung 1866) aufmerksam.

Von Adam Ghisi (Bartsch XV, p. 424, 104) haben wir einen Stich, dessen Zeichnung man dem
Giulio Romano zuschreibt und der uns drei Personen um einen Kessel mit dem Sieden eines Schweines
beschäftigt zeigt. Man fühlt sich sogleich an die bekannte Gruppe des Neapeler Museums erinnert;
doch fehlt bei dieser gerade die so charakteristische dritte Person. Ich glaube daher, dass die Zeichnung
dieses Stiches nach der bei Panofka (Bilder des antiken Lebens, t. XII, 5) abgebildeten Camee des Grafen
Beverley entworfen ist. Auch C. Pulszky (Beiträge zu Raffaels Studium der Antike, S. 22) hat dies
schon bemerkt, indem er diese Abbildung Panofkas citiert. Die kleinen Veränderungen mögen wohl
auf Rechnung des Stechers zu setzen sein.

Vielleicht rührt von Giulio Romano auch die Zeichnung zu dem Stich der Diana Ghisi
(Bartsch XV, p. 424, 24) nach dem bacchischen Relief in Mantua (Labus II, t. XXIX) her. Vor einem
mit einem Bukranion und Kränzen geschmückten Hause steht Aratus, bärtig, um den Leib ein Fell
geschlungen, auf dem Haupte einen Epheukranz, in der Rechten einen Stab. Rechts vor ihm sitzt auf

1 Später hat sie Dollmayr nicht mehr als eine eigenhändige Arbeit Giulios betrachtet (vgl. Jahrbuch XIII, S. CXCVI).

Anm. des Herausgebers.
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