Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 22.1901

Seite: 222
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Franz Wickhoff.

mit dem Auserlesensten und Neuesten beschäftigt, das Literatur und Kunst brachte, mögen sich an
diesen Bildern zuerst ergötzt und sich darin wiedergefunden haben. Es ist Hofluft, die uns aus diesen
Bildern anweht, die Luft eines Hofes, an dem gebildete Frauen walten.

Wo sollen wir den Hof nun suchen, an den die Niederländer gerufen wurden, diese Bilder zu
malen? Deutschland ist da ausgeschlossen, so wie Italien. Ja, auch Italien. Die italienische Literatur
des XV. und XVI. Jahrhunderts ist männlich wie kaum eine andere. Isabella d'Este, der Bildungs-
philister im Weiberrqcke, und der Hof von Urbino, wo die Fürstinnen, nachdem sich der brave, tapfere
Herzog zu Bette gelegt hatte, um nicht zuhören zu müssen, mit dem Grafen Castiglibne und ande-
ren Süssholzrasplern über die Liebe sprachen, wurden immer als Ausnahmen empfunden. Höfisches
Wesen und romantische Chevalerie hat sich in Italien nie einbürgern können.

Der Hof Heinrichs VIII. kommt schon gar nicht in Betracht. Ueber den Hof Frau Marga-
rethens in Mecheln sind wir zu gut unterrichtet, als dass uns eine Erscheinung wie die Halbfiguren-
bilder entgehen könnte. Der Hof ihres Neffen, der kaiserliche Hof, war spanisch. Der Kaiser selbst,
zwar voll zärtlicher Anhänglichkeit an die weiblichen Mitglieder seiner Familie, hat weder von ihnen
noch sonst einen weiblichen Einfluss geduldet, so frauenhold er war. Bei seiner Gattin und seinen
Schwestern walteten religiöse Interessen vor, literarische waren kaum vorhanden. Eine seiner Schwes-
tern, die Königin Maria von Ungarn, hatte wie er Sinn und Neigung für die bildenden Künste und
hat, so lange sie in den Niederlanden regierte, die Künstler wirklich gefördert. Aber strenge und ernst,
wie sie war, wäre ihr eine geistreiche weibliche Umgebung, ein Damenhof mit Poesie, Flöten und
Lautenspiel, wie es diese Bilder zeigen, nur hinderlich und lästig gewesen.

Ganz anders war der französische Hof. König Franz I. war von einer geistig hervor-
ragenden Frau, seiner Mutter Louise von Savoyen, erzogen worden; er war selbst nicht ohne lite-
rarisches Geschick und seine Schwester Margarethe, die Herzogin von Alencon und Königin von Na-
varra, die hervorragendste Schriftstellerin ihrer Nation, war seine vertraute Freundin, immer war er
in Weiberhänden, das eine Mal herrschend, das andere Mal beherrscht, und selbst dem alternden Mann
war es nicht wohl, wenn er nicht um sich das Gezwitscher munterer Frauen hörte. Eine Schar ge-
sprächiger geistreicher Damen musste um ihn sein, mit ihm speisen, und sie wurden selbst gebeten, ihn
auf seinen Reisen zu begleiten. Sie gehörten alle der höchsten Gesellschaft an, waren mit Hofchargen
betraut und bildeten eine Vereinigung, die man die petite bände nannte.1

Clement Marot, der liebliche Dichter, dessen Verse unsere Halbfiguren aus ihren Liederbüchern
singen, war an des Königs Hof bestallt. Alle Damen des Hofes besang er, theils im eigenen Namen,
theils im Namen von Anderen, und sie Hessen zuweilen ihre Antworten auch wieder durch ihn versifi-
cieren. Mit der Königin von Navarra, die er seine Schwester im Geiste nannte und an deren Hofe er
manche Zeit zubrachte, wechselte er Gedichte. Seine heiteren Gesänge behandeln meist das fröhliche
Treiben am französischen Hofe und auch seine ernsten waren für denselben Kreis bestimmt. An die-
sem Hofe, an dem nicht nur der König und die allerhöchsten Damen dichteten sondern wo alles mehr
oder minder literarisch schaffend, fördernd oder geniessend thätig war, wurden die Maler kaum weniger
geschätzt als die Dichter. Der König hielt sich eigene Hofmaler, die zumeist in Tour hausten, von
wo sie nach den Schlössern, wo sich der Hof gerade aufhielt, gerufen wurden. Die Dichter des Königs
unterliessen es nicht, die Maler des Königs zu preisen. Ein reger Dilettantismus im Zeichnen und Malen
zeigt, dass die Maler auch in der vornehmen Gesellschaft ihre Schüler hatten.

Zahlreiche Nachrichten über die Hofmaler in Tour sind uns in Briefen und Rechnungen erhalten;
aber ihre Bilder sind verschollen. Nur vereinzelte Portraits sind wegen der dargestellten Fürstlichkeiten
auf diese Maler bezogen worden.

Es ist nicht recht zu glauben, dass die Bilder, nicht etwa eines einzelnen Malers sondern die
Bilder einer ganzen Schule, einer Schule, die für eine freigebige, ja verschwenderische Hofhaltung

1 Ueber den Hof Franz I. vergleiche die meisterhafte Schilderung in den Anfangscapiteln von Henri
Femmes de Brantöme, Paris 1890.
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