Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 33.1916

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HANS ROTTENHAMMER.

Von

Rudolf Arthur Peltzer.

I. Lebensgeschichte.

i. Lehrjahre in München. 1582—1588.

ie letzten Jahrzehnte des XVI. Jahrhunderts waren für Oberdeutschland eine
Zeit voll revolutionärer Umwälzungen auf dem Gebiete der Kunst. War die
Renaissancebewegung bisher nur langsam und an wenigen Stellen in den deut-
schen Süden eingedrungen, so überflutete sie nun das ganze Land und bald
brachen die letzten noch aufrecht stehenden Reste der volkstümlichen Gotik
zusammen. Früher als die Architektur erlag die Malkunst der verführerischen
neuen Formensprache und schon zu Beginn der siebziger Jahre konnte der
Straßburger Jobin 1 mit Recht klagen, daß «heute der mehste theil (der frembden Welschen art zu malen)
nachäfft und doch nicht für die beßte weiß gründlich bestehn und beschützet kan werden-». Wie in
Straßburg und Basel, so wurde auch in den anderen süddeutschen Kulturzentren, in Nürnberg,
Regensburg und namentlich in Augsburg, der italienische Geschmack maßgebend. Die eigentliche
Vorburg des welschen Stiles war aber München. Hier in Bayern bestanden seit alters enge reli-
giöse, politische und geistige Beziehungen zu Italien und die bayrischen Herzoge waren gewohnt,
mehr nach dem Süden als nach dem Norden zu blicken. Nunmehr erreichte der Einfluß der
romanischen Kultur seinen Höhepunkt und in der Residenz zu München wurde «alles auf der
italienischen Fürsten Art gerichtet*. Dieser Umschwung hat sich hauptsächlich unter der Regierung
Wilhelms V. vollzogen. Äußerte sich bei seinem Vater Albrecht V. die Kunstliebe vorwiegend im
Sammeleifer und im Ausbau der Kunstkammer, so trat Wilhelm V. mit ganz anderen weit-
schauenden Plänen hervor, die zum Teil erst sein Nachfolger Maximilian ausführen sollte. Unter
diesen beiden Fürsten erhielt München die ersten großen Bauten, Skulpturen und zahlreiche Öl-
gemälde und Fresken von italienischem Gepräge, auf deren Grundlage sich dann die bayrische
Kunst weiter entwickeln sollte. Das wichtigste Werkzeug Wilhelms V. bei der Ausführung seiner
künstlerischen Ideen war, wie die neueren Forschungen mit immer größerer Klarheit ergeben, der
Sohn des Tizianschülers Lambert Sustris von Amsterdam, Friedrich Sustris, ein gewandter und
äußerst vielseitiger Maler und Architekt, voll von «Inventionen» und in aller Art Kunstfertigkeit
erfahren, der noch unter Vasari gearbeitet hatte. Bevor Friedrich Sustris 1573 in bayrische Dienste
trat, hatte er den Fuggern ihre prächtigen Bibliotheksräume geschaffen, das glänzendste Werk
italienischer Innendekoration auf deutschem Boden. Nun ließ er in den achtziger Jahren für Wil-
helm V. den epochemachenden Bau der Michaelskirche erstehen und stellte so dem mystischen
Dunkel der gotischen Hallenkirchen zum ersten Male die befreiende «Majestät der Raumwirkung»
eines echten Renaissancebauwerkes gegenüber. Bei der Ausmalung der Burg Trausnitz, bei der
Errichtung des monumentalen Jesuitenkollegiums, des entzückenden Grottenhofes der Residenz und

1 In der Vorrede zu seinem Werk <Accuratae effigies pontificum maximorum etc.», abgedruckt bei Fiorillo, Kleine
Schriften, II. Bd., Göttingen 1806, S. 331.

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