Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 1.1886

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DAS PLATÄISCHE WEIHGESCHENK

IN DELPHI.

Das interessanteste Denkmal altgriechischer Zeit in Constantinopel ist die
bronzene aus drei in einander gewundenen Schlangenleibern gebildete Säule auf dem
Atmeidan, dem friiheren Hippodrom der byzantinischen Kaiser. Das iiber fiinf
Meter hohe Denkmal, das seit der Erhöhung des Atmeidan im jahre 1630 bis fast
zu seiner Mitte verschiittet war, ist 1855 durch Newton völlig blofsgelegt und die
auf den untersten Schlangenwindungen befindliche Inschrift von Dethier und Frick
im Januar 1856 entdeckt und veröffentlicht worden1. Seitdem gilt es fast allgemein
fiir gesichert, dafs die Schlangensäule ein Überrest des Weihgeschenkes ist, welches
die Hellenen nach dem Siege bei Platää dem Delphischen Apollon errichtet haben2.

Nach dem Berichte des Herodot bestand das Weihgeschenk aus einem gol-
denen Dreifufse iiber einer dreiköpfigen ehernen Schlange, und Thukydides überliefert,
der Spartanerkönig Pausanias, der Oberbefehlshaber in der Schlacht bei Platää,
habe auf dem Anathem ein Elegeion anbringen lassen, in dem er sich selbst Sieger
iiber die Meder und Stifter des Weihgeschenkes nannte. »Dieses Elegeion liefsen
die Lakedämonier gleich damals von dem Dreifufs wieder abmeifseln und schrieben die
Namen der Städte darauf, die zusammen die Barbaren besiegt und das Weihgeschenk
aufgestellt hatten« (Herodot IX 81, Thukydides I 132; s. unten S. 180. 184). Von den
späteren Schicksalen des Denkmales wissen wir, dafs es im zweiten heiligen Kriege
durch die Phokier seines Goldschmuckes beraubt worden, aber in verstiimmeltem
Zustande bis in das vierte Jahrhundert n. Chr. in Delphi verblieben ist. Constantin
liefs dann den platäischen Dreifufs wie so viele altberiihmte Denkmäler nach Byzanz
bringen und im Blippodrom der neuen Hauptstadt aufstellen3.

Die Namenliste von einunddreifsig als Mitkämpfer in den Schlachten von
Salamis und Platää aus Herodot bekannten griechischen Staaten, dazu Theile einer
Überschrift sind auf dem Schlangengewinde in Constantinopel erhalten. Die’’ In-
schrift ist also eine historische Urkunde ersten Ranges, und das bronzene Schlangen-

x) Newton, Travels and discoveries in the Levant,
II S. 25; Frick, Jahrbücher für Philologie 1862
S. 441 ff., Supplementband III S. 4871!.; Dethier
und Mordtmann, Epigraphik von Byzantion
(Denkschriften der Philos. - histor. Classe der
Wiener Akademie Bd. XIII 1862). Vgl. Röhl,
Inscriptiones Graecae antiquissimae 70; Friederichs-
Wolters 227.

2) Die Bedenken, welche Ernst Curtius und Andere
seiner Zeit veranlafst haben, den Delphischen

Ursprung der Schlangensäule zu bezweifeln (Vgl.
Göttinger Nachrichten 1861 S. 361fr., Archäo-
logische Zeitung 1867 (Bd. 25) S. 137*)) erledigen
sich wie ich glaube durch die im folgenden nach-
gewiesene thatsächliche Unrichtigkeit der früheren
Angaben, auf denen sie beruhen.

3) Vgl. die genauen Darstellungen der Geschichte
des Weihgeschenkes bei Frick (in der Ablrand-
lung in den Supplementbänden) und bei Dethier
und Mordtmann.
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