Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 18.1903

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von Schneider, Marmorreliefs in Berlin.

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MARMORRELIEFS IN BERLIN.
Hierzu Tafel 6 und 7.
Die drei auf Tafel 6 und 7 abgebildeten Reliefplatten unbekannten Fund-
ortes, waren früher im Palazzo Giustiniani Recanati sulle Zattere in Venedig und
wurden 1897 für die Königl. Museen zu Berlin (zusammen mit der Grabstele, Antike
Denkmäler Band I, Taf. 33) erworben. Kurz beschrieben sind sie im Archäol. An-
zeiger 1903, S. 37, No. 29.
Die Platten aus parischem Marmor sind verschieden lang, aber gleichmäßig
0,46 m hoch bei einer Dicke von 0,05 m bis 0,06 m. Die eine Platte zeigt an der
Rückseite nur oben, die beiden anderen auch seitlich einen in einer Breite von
0,05 m ziemlich regelmäßig verlaufenden glatten Rand. An jeder sind oben je
zwei Vertiefungen angebracht zur Aufnahme eiserner Klammern, die mit Blei ver-
gossen waren. Das Relief erhebt sich bis zu einer Höhe von ca. 0,04 m. Erkenn-
bar sind Spuren einer in Stuck versuchten Restaurierung, von der auch die Bohr-
löcher in den stark verstoßenen, nur mehr in ihren Umrissen erhaltenen Köpfen
herrühren.
Dargestellt ist auf der ersten Platte (0,93 m lang): rechts ein Mädchen,
beträchtlich kleiner als die übrigen Figuren, in langem gegürteten Chiton und einem
über den linken Arm geworfenen Mäntelchen, beschuht, beide Hände vor den
Schoß haltend, das linke Bein etwas zur Seite setzend, in ruhiger Stellung. ·—
Nach links verfolgt in mächtigem Laufschritte ein anscheinend unbärtiger Mann in
kurzem bis an die Kniee reichenden Chiton ein Mädchen, das in der Flucht auf
den Verfolger zurückblickt: er hat es schon erreicht und ergreift mit der aus-
gestreckten Rechten dessen shawlartig um die Arme geworfenen Mantel. Sein
fehlender linker Arm war gesenkt: am linken Oberschenkel ist noch der Ansatz der
Hand erkennbar. Das Mädchen ist mit einem langen, über dem Kolpos gegürteten
Chiton bekleidet. — Weiter links hält ein andrer mit der Chlamys bekleideter
Ephebe mit beiden Armen (der rechte ist bis auf geringe Reste abgestoßen) ein
sich sträubendes Mädchen umfaßt. Als Stütze für dessen Körperlast das linke Bein
vorstellend, das rechte (der Unterschenkel fehlt) im Knie beugend, den Oberkörper
stark zurückbiegend, sucht er das junge Weib fortzutragen, dessen Füße bereits in
der Luft schweben und das in heftiger Abwehr den (bis auf die Schulter fehlenden)
rechten Arm gegen die Stirne des Räubers stemmt, sich auch mit der Linken von
seinen umklammernden Armen zu befreien sucht. Der Chiton, der es bekleidet,
ist von der rechten Schulter herabgeglitten. — Der Boden unter den Füßen der
Figuren ist felsig; unter der kleinen Figur rechts ist der Rest einer Randleiste erhalten.
Die zweite Platte (0,88 m lang) zeigt rechts zwei Männer auf Felsblöcken
von nicht unbeträchtlicher Höhe einander gegenüber sitzend, beide im Himation,
das um den Unterkörper gewickelt, den Oberkörper frei läßt. Ihre Haltung verrät
Nachsinnen oder Trauer: der eine rechts wohl bartlos, gesenkten Hauptes, streckt
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