Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 26.1911

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G. Karo, Minoische Rhyta.

Gräbern wie in Palästen und Wohnhäusern, sie waren noch beliebter als ihre Nach-
kommen, die Rhyta klassischer Zeit. Mehrfach meinen wir Anzeichen zu erkennen,
daß sie auch im Kultus eine Rolle spielen. Der Jüngling des knosischen Wand-
gemäldes trägt sein riesiges Rhyton in einer feierlichen Prozession, die steinernen
Trichter von Knosos und Hagia Triada, die Löwin und der Stier vcn Knosos sind so
kolossal und schwer, daß sie praktisch als Trinkgefäße kaum zu verwenden waren.
Zudem tritt der religiöse Charakter des »Kleinen Palastes«, dem jener steinerne Stier-
kopf und sein tönernes Ebenbild sowie mehrere sichere Kultobjekte entstammen,
mit jeder Grabungskampagne klarer hervor. Tönerne Stierrhyta erscheinen
unter den Weihegaben der diktäischen Zeusgrotte (oben S. 263). Und endlich
wissen wir, wie außerordentlich beliebt im minoischen Kultus kleine Gefäße für
Weihegüsse waren. Ich brauche nur an die zahllosen Miniaturväschen früh-
minoischer Gräber zu erinnern, von denen viele zu nichts anderem brauchbar
waren (Xanthudidis, BSA. XII 9 ff.; Seager, Amer. Journ. Arch. 1909, 278;
a. a. 0. 35), an die »Opfertische« gerade der diktäischen Grotte (Evans, JHS. XXI
1901, 114; Hogarth, BSA. VI 114 p!. 11) und der mittelminoischen Kapelle von
Phaistos (Pernier, Mon. ant. d. Lincei XIV Taf. IO; Maraghiannis, Antiqu. cret. I 9),
an die Tonplatte mit Väschen vom Altar des Mittelhofs in Phaistos (Pernier,
a. a. 0. XII Taf. 8; Maraghiannis 11) und an die »blossom bowls« die reizenden
Steingefäße in Form von Lotosblüten (z. B. Gourniä pl. 5; Seager, a. a. 0. 35;
Evans, Prehistoric Tombs of Knossos pl. 90). Alle diese so reich variierten Gefäße
konnten keinem praktischen Zwecke, nur Spenden dienen; und keine Vasen-
form eignet sich für solche Weihegüsse so gut wie das Rhyton, dessen dünnen Strahl
jederzeit leicht ein Finger hemmen kann.
Freilich fehlen uns bisher leider noch Darstellungen, die den Gebrauch der
Rhyta im Kulte endgiltig erweisen könnten T); und De Mot hat (a. a. 0. 213) mit
Recht betont, daß ihr Vorkommen unter den (freiwilligen) Tributen der Keftiu sogar
dagegen spräche, da kein Volk ungezwungen seine Kultgeräte abliefert. Die Rhyta
werden zwar im Kulte eine Rolle gespielt haben, vornehmlich aber Prunkgerät der
Fürsten, Gebrauchsgeschirr der Bürger gewesen sein. Wie groß jene Rolle war,
wissen wir nicht, und die religiöse Bedeutung, die wir besonders dem mykenischen
Stierkopf beizumessen pflegten, bedarf starker Einschränkung. Damit müssen wir
uns bescheiden und uns freuen, wenigstens Gestalt und Verwendung der größten
uns erhaltenen plastischen Leistungen minoischer Kunst feststellen zu können.
Athen. Georg Karo.

I) In den sechs Löwenköpfen auf dem großen my- Gemmen Taf. II, 20 u. oft) wird man kaum wagen,
kenischen Goldringe (Stals 992; Furtwängler, Rhyta wie unsere Löwenköpfe zu erkennen, noch
weniger in den Köpfen des Ringes, Stais Nr. 993.
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