Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 1.1896, Band 1 (Nr. 1-26)

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1896

J U ©E N D

Nr. 1 uad 2

Singsang.

Wie sehnt’ ich dem Schlafe mich nach! —
Schon hielt ich das Glück an den Fäden
Da pochte die Sonn’ an die Läden —
Wie sehnt’ ich dem Schlafe mich nach!

Aus Träumen nur schwebt es empor,

Was all’ Du für Wonnen umschliessest,
Dir heimlich in Lieder ergiessest
Aus Träumen nur schwebt es empor.

Rings leuchtet die lachende Welt!

Weh’ — wehe, getrennt sind die Herzen,
Sie schwelgen in suchenden Schmerzen -
Rings leuchtet die lachende Welt!

Italisches Blüthengepräng!

O, reib’ Dir den Schlaf aus den Augen!
Was können die Nebel Dir taugen? -
Italisches Blüthengepräng!

Hab’ Dank, Du mein stolzes Florenz! —
Tags müssen uns Rosen gedeihen,
Tags adelt die Freude den Freien
Hab’ Dank, Du mein stolzes Florenz!

Florenz, April 1895. OTTO ERICH HARTLEBEN.

Mein Aschenbrödel.

Auf der Treppe stand sie da,

In dem dunklen Flur.

Auf der Wang’ ich schimmern sah
Heller Thränen Spur.

Alles still im weiten Haus,

Kein Gespräch, kein Wort,

Nur das Knispern einer Maus;

Brüder, Schwestern fort!

Draussen fliegen sie zum Tanz,

Vor der Stadt im Wald,

Flechten Blatt und Blum’ zum Kranz,
Lust und Lied erschallt.

Und ich fasste ihre Hand
Weis- nicht wie’s geschah.

Ganz verlegen an der Wand
Stand ich vor ihr da.

Woher nahm ich nur den Muth,

Dass ich nach und nach
Kühner ward, doch weich und gut
Also zu ihr sprach:

„Traf Dich just dasselbe Leid,

Kind, wie Deinen Freund?
Stillverschwieg’ne Einsamkeit
Hat uns ja vereint!

Komm’, wir plaudern in der Still’!

Ich erzähle Dir,

Was ich sehne, was ich will!

Mädchen, komm’ mit mir!“

Doch, wir sassen still und stumm;
Manchmal seufzt’ ich nur,

Eine Katze schlich herum
In dem dunklen Flur.

Endlich fand ich’s, und ich sprach
Ganz verlegen nur,

Bis ich auf den Knien lag
In dem dunklen Flur.

Antwort war ein Druck der Hand;

Ach, ich will’s gesteh’n,

Dass der Mund zum Mund sich fand,
Keiner hat’s geseh’n.

Doch das Kätzchen dann und wann
Schnurrte schmeichelnd nur,

Sah uns ganz verwundert an
In dem dunklen Flur.

LUDWIG SOYAUX

£

So seh’ ich ihn.

Ich sehe, vom Licht bezwungen,

Meere links und Felsen rechts,

Heute den Geist des jungen,

Des kommenden Geschlechts.

| Er kam von einsamer Küste,

Sein Wort übertönte das Meer,

Viele Tage gingen zur Rüste,

Doch wachend wanderte er.

.

Der Fels riss die Füsse ihm blutig,

Sein Haupt umheulte der Föhn,

1 Seine Seele aber blieb muthig,

Und er ist in Stürmen noch schön.

Er hat in den Augen den Willen,

Der die Feinde sich bändigen kann,

Mit seinem Lächeln, dem stillen,

Sagt er: Ich werde ein Mann.

Nun kommt er schon auf die Berge,
Seine Stimme ward lauter und voll,

Und drunten das Heer der Zwerge
Weiss nicht, was da werden soll.

Dem Ziele näher und näher,

Und keinen Schritt zurück:

Er ist ein Wolkenspäher
Voll Sturm und Sternenglück.

Du mit dem Trotze des Bauern,

Der Königsthrone sich baut,

Ich fühle Dein Glück wie ein Schauern,
Deine Zukunft hab’ ich geschaut!

. FRANZ EVERS.
Julius Diez: Zeichnung ohne Titel
Fidus: Zeichnung ohne Titel
Franz Evers: So seh` ich ihn
Otto Erich Hartleben: Singsang
Ludwig Soyaux: Mein Aschenbrödel
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