Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 1.1896, Band 1 (Nr. 1-26)

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1896

. JUGEND

Nr. 3

Das Gehirn unsrer lieben
Schwestern.

*Unter allen höheren Regungen und Bewegungen un-
serer Zeit erscheint mir, rein menschlich betrachtet, als die
schönste und interessanteste der Kampf unserer Schwestern
um Gleichstellung mit dem starken, dem herrschenden und
unterdrückenden Geschlecht; ja ich halte es für möglich, dass
nicht etwa die sozialen und wirthschaftlichen Dissidien der
Männerwelt — zum Theil recht dumme Sachen — dem kom-
menden Jahrhundert seinen eigenthümlichen Stempel auf-
drücken werden, sondern dass dieses Jahrhundert seine Welt-
signatur recht eigentlich von der Lösung der „Frauenfrage“
erhalten wird.

Denn was wir bisher davon erlebt, das war und ist nur
erst Vorpostengefecht. Man kann zwar nicht leugnen, dass
unsere Schwestern schon manche Positionen errungen ha-
ben, die früher uneinnehmbar schienen, und dass sie diese
mit grossem Geschick vertheidigen und befestigen, aber die
eigentlichen „Sperrforts“ der Gleichberechtigung — denn sie
wollen „uns“ ja nicht verdrängen, sie begehren nur Einlass!

diese Sperrforts sind noch ausschliesslich in den Händen
der Männer, und immer noch, wenn die muthige Schaar mit
hellklingendem Kriegsgeschrei neuen Ansturm wagt, ertönt
ihr im tiefsten Basse das „Zurück“ der Thorwächter entgegen.

Im tiefsten Basse wissenschaftlicher Ueberzeugungs-
treue! Dies „Zurück“ klingt so wahr und so bieder, und ist
doch oft, ja zumeist nichts als geschlechtsegoistische Ueber-
hebung, mit der wir seit Adams Zeiten unsere ach! so lieben
und ach! so unentbehrlichen Schwestern der Schlangenrolle
zu verdächtigen und zur Strafe dafür auch noch zu terrorisiren,
mit Eifersucht zu quälen, zu haremisiren und zu kemenati-
siren gewohnt sind, immer unter dem heuchlerischen Vor-
hände der ritterlichen Fürsorge. Als ob sie was davon hätten,
ass sie uns wie wir so gerne singen — himmlische Rosen
ins irdische Leben flechten!

Da ist denn das Sperrfort der Universität. Zum hundert-
sten ale wird den wissensdurstigen Frauen von Einem im
a ar gesagt. „Da habt Ihr nichts zu suchen!“ Und um
em Woite den rechten zeitgemässen Nachdruck zu geben,
hu mit hichtigthuendem Pathos hinzugefügt: „Wie solltet
hr auch? Euer Gehirn ist zu klein, um unsere Wissen-

schaft zu fassen, — was Männer erdachten, kann nur von
Männern begriffen werden. Das ist göttliche Ordnung*) ■
mulier taceat in ecclesia.“

Das eben, liebe Schwestern, will ich heute zu Eurem
Frommen an den Pranger stellen, auf die Gefahr hin, als
Verräther am Geheimniss „männlicher Wissenschaft“ be-
trachtet zu werden: Die ganze Lehre von der Inferiorität
des weiblichen Gehirns ist eine fromme Mär, ein
wissenschaftliches Quiproquo, das eben nur beweist, wie lange
und hartnäckig Männer zu irren im Stande sind. Diese Lehre
beruht auf zwei falschen Voraussetzungen, nämlich erstens,
dass das Gewicht des gesammten Gehirnes ganz direkt als
Massstab für die Intelligenz zu nehmen sei, und zweitens,
dass es statthaft sei, mit statistischen Durchschnitten
aus Massenbeobachtungen einer Frage auf den Leib zu rücken,
in welcher nur mit individuellen Begabungen gerechnet
werden darf.

Beginnen wir mit dem zweiten Trugschluss, so ist es
doch zunächst klar, dass auch unter Denen vom starken Ge-
schlecht gewiss nur ein mässiger Prozentsatz zu wissenschaft-
lichen Studien und Berufsübungen befähigt ist. Dieser Satz ist
sogar ziemlich gering, er mag 5 bis 10 Prozent ausmachen,
kaum mehr. Nehmen wir nun an, bei den Weiblein seien
es nur 2 bis 3, ja nur 1 Prozent, — mit welchem Rechte
will man dieser Minderzahl die Betheiligung an den wissen-
schaftlichen Studien, die der Staat ermöglicht, wehren?
Lehrt nicht Jeden schon die persönliche Erfahrung, dass es
viele Frauen gibt, die an Intelligenz ihre männliche Umgeb-
ung weit überragen? Und ist nicht schon von vielen Frauen
der Beweis geliefert, dass sie mit Erfolg der Erforschung
und Verkündigung der Wahrheit zu dienen vermögen?

Was aber das ominöse Gewicht des Gehirns anbelangt,
so ist es ja richtig, dass im Grossen und Ganzen das
weibliche um ein paar Hundert Gramm leichter ist als das
männliche, — was nicht ausschliesst, dass Millionen männ-
licher Spatzengehirne von Millionen weiblichen Gehirnen auch
an Gewicht weit übertroffen werden. Aber die Hauptsache ist,
dass nach den neuesten Forschungen auf diesem Gebiete
das Gesammtgewicht des Gehirns für die Beurtheilung der
Intelligenz überhaupt keine nennenswerte Bedeutung
hat. Solche Bedeutung kommt nur verhältnissmässig kleinen

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*) Eigenste Worte eines

berühmten Professors der Anatomie.
Fidus: Bitte, nimm mich mit!
Georg Hirth: Das Gehirn unsrer lieben Schwestern
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