Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 1.1896, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 17

JUGEND

1896

Wir sind sehr moralisch auf dem
Mars. So schön wir auch gebaut sind,
verfolgen wir die Darstellung des
Nackten mit unerbittlicher Strenge.
Alle Brunnenbuberln haben bei uns
Feigenblätter, Jedes sogar zwei! Auch
die ganz kleinen Kinder kommen schon
mit ganz kleinen Feigenblättern auf die
Welt.

Die Ankunft Euerer Botschaft auf
dem Mars hat viel Aufsehen gemacht.
Das zeigt Euch schon unser Bild. Leider
hat das leitende Organ unserer Regier-
ungspartei „Das Ferkel“, die „Jugend“
sofort wegen verschiedener Linsen-
losigkeiten denunzirt und das Blatt ist
bereits verboten.

Schreiber dieses ist Euch aber wohl-
geneigt und gibt Euch einen guten
Rath: Lasst doch für unsern Ober-
sittenrichter,dessen Adresse ich beilege,
hie und da eine wirklich pikante Num-
mer drucken und schickt sie ihm unter
Couvert. So was hat er gerne. Ihr
könnt da recht weit gehen. Dann gibt
er das Blatt auch der Oeffentlichkeit
wieder frei.

Also lebt wohl und schiesst bald
wieder! Dann sende ich Euch neuen
Bericht über die Marsverhältnisse, über
unser Militär, unsere Frauen, unsere
Politik und so weiter. Ihr könnt da
Manches von uns lernen, denn wir sind,
wie gesagt, in Vielem weiter als Ihr.

Euer wohlaffektionirter

Nikodemus Dreibein,
Marsbewohner.

P. 8. Der Mann mit dem Dackel
(prämiirte Rasse) und dem langen Zopf
auf dem Bilde bin ich. Der Zopf ist
mein Gradabzeichen als wirklicher Ge-
heimrath.

Tagebuchblätter
eines aktiven Politikers

Wenn ein Geldsack noch so voll
ist, so viel Platz ist immer noch frei,
dass man die „öffentliche Meinung“ in
ihn hineinstecken kann.

©0

Keine verlässlicheren Stufen gibt
es auf der Leiter des Erfolges als die
Leiber verunglückter Vorgänger.

CO

Eine Parlamentsmajorität ist im
Wesentlichen eine reine Geldfrage. Und
die paar, die man nicht gegen materi-
elle Interessen erhalten kann, gewinnt
man durch ihre Eitelkeit.

CO

Eine geschlagene Oppositionspartei
ist in der Regel zu Ausverkaufspreisen
zu haben.

Ich kenne Fälle, wo man Einem, der
gut kriechen konnte, sogar sein Talent
verziehen hat.

CO

Bankier X..r. fiat sich eine Villa am
Comersee gekauft. Der Nationalwohl-
stand hebt sich.

SC

So mancher Ordensjäger verdiente
ein hänfenes Halsband.

CO

Um den Diebstahl in gesetzliche
Formen zu bringen, erfand man die
Börsengesetzgebung.

CO

Einige haben auf Barrikaden die
Freiheit gesucht und ein Portefeuille
gefunden.

GO

Für Geld kann man bekanntlich Alles
kaufen. Am billigsten den ehrlichen
Namen.

CO

Wenn das Gold noch so schmutzig
erworben wurde, — es glänzt doch
immer.

WIEN. LUDWIG BAUER.

Nachtstück

Als Du in meinen Armen lagst,

Von Sehnsucht überwunden,

Da glaubt’ im Stillen ich zu Gott,
Dass ich mein Glück gefunden.

Die Landschaft schwamm im Monden-

licht;

Beim wilden Küssetauschen
Begann das silberschwere Laub
Zu flüstern und zu rauschen.

Und wie ich nochmals dich umfing
Und Deinen Hauch verspürte,

Kam’s über mich wie Geisterhand,

Die leis’ an’s Herz mir rührte.

Und wie ich Dir in’s Auge sah
Und auf die blassen Wangen,

War insgeheim in meiner Brust
Ein Zauber vorgegangen:

Dass meine Küsse — süsses

Grau’n! —

Nun einer andern galten,

Die all’ mein Denken an sich zog
Mit himmlischen Gewalten.

Was ich in meinen Armen hielt
Im Laubversteck der Eiche,

Warst nicht mehr Du, betrog’nes Kind,
War eine weisse Leiche.

ALFRED BEETSCHEN.

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Robert Engels: Zeichnung ohne Titel
Ludwig Bauer: Tagebuchblätter eines aktiven Politikers
Alfred Beetschen: Nachtstück
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