Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 1.1896, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 26

JUGEND

1896

Das Hermelin

Von Wilhelm Jemen.

Um die Sommersonnenwende trat ich
eines Mittags auf meinen Balcon. Schwere,
brütende Hitze lag auf Allem rundumher,
keine Hand rührte sich zur Feldarbeit, in
den entfernten, da und dort zerstreuten
Häusern sassen die Leute um die Ess-
schüssel oder ruhten auf den Wandbänken.
Duftschleier überhüllten die hohen Felsen
krönen der Berge, weissleuchtende Wolken
hielten wie festgebannt darüber an, und
von der hauchlosen Luft ging keine leiseste
Bewegung für den Blick aus; kein Laut
traf an’s Ohr, selbst die Grillen rasteten.
Ganz regungslos stand das schon gold-
farbig werdende Winterkorn aufrecht, auch
die Roggenmuhme schlief, ihre grau wall-
ende Schleppe ward nirgendwo sichtbar.

In diese Mittagsschweigsamkeit schaute
ich hinaus, aber dann zog doch einmal
eine kleine Bewegung meine Augen auf
sich. Nur eben merkbar war sie; wie wenn
eine winzige, schmale Luftwelle durch die
Röggenhalme gleite, schwankten leis einige
Aehren und beruhigten sich wieder. Doch
die Regung pflanzte sich fort, gegen mich
heran, auf den Gartenhag zu, wo er vom
Kornfeld begrenzt ward.

Wie von der Einbildungskraft erzeugt
schien’s, ein Traumgesicht trotz der blen-
denden Tageshelle oder eben durch diese
gaukelnd vorgespielt. Aber auch in dieser
mittägigen Geisterstunde ergab’s sich, dass
jede Wirkung einer Ursache entspringe,
denn nun schlüpfte aus dem Aehrenrand
etwas hervor, ein spitzes Köpfchen, dem
ein langgestreckter, schmal-graziöser Leib
nachfolgte. Ein kleines Vierfüsslerthier
mit röthlich braunem Rücken, weisser
Kehle und Brust und schwarzer Endhälfte
der Ruthe. Klugäugig-aufmerksam sah’s
umher, schnellte sich dann behenden
Sprung’s am Hag empor und herüber
nach dem Brunnentrog. Weitum mochten
von der Trockenheit der letzten Wochen
Quellen und Tümpel versiegt sein, be-
gierig stillte es seinen Durst. Unverkenn-
bar war’s eine Viverra candida, ein Her-
melin im sommerlichen Kleid.

Ein kurzes Weilchen, da kam ein zweites
hinzu, das Weibchen schien’s zu sein.
Hatten sie verabredet, sich auf ihren Streif-
zügen hier zu treffen? Ob sie mich ge-
wahrten, Hess sich nicht erkennen; scheu-
los, bald getrennt, bald sich nah aneinander
gesellend, löschten sie den Durst, ein Ge-
fühl in mir weckend, es erfreue sie, dass
sie zusammengekommen seien. Dann ver-
schwanden sie gleichzeitig über den Hag
zurück, die Aehren schwankten wieder leis,
doch nebeneinander in gerader Linie fort.
Ich blickte den unsichtbar Gewordenen
nach, offenbar schlugen sie gemeinsamen
Weg ein, vermuthlich ihrem Bau zu. Die
Jahreszeit war’s, in der sie heranwachsende
Junge haben mussten.

Das bestätigte sich durch Zufall am näch-
stenAbend meinem Blick. Auf meinem Gang
kam ich an einem ginsterverwachsenen Ab-
hang vorbei und gewahrte unter mir in ein-

Zierleiste von Leo Prochownik.

iger Entfernung vor einem Erdloch, wahr-
scheinlich einem alten Hamsterstollen,
drollig durcheinander tummelnde Beweg-
ung. Das Hermelinweibchen spielte dort
mit fünf oder sechs Jungen, allerliebsten
Geschöpfchen. Es legte sich auf den Rücken
und Hess den Schwarm über sich klettern,
herunterkugeln und wieder hinaufkrabbeln.
Ab und zu sprang die Mutter plötzlich auf,
fasste vorsichtig eines aus dem Gewimmel
mit den scharfen Zähnen am Nacken und
trug’s eine Strecke weit fort. Dann machte
sie sich in grossen Sprüngen zu den andern
zurück, und es erregte den Eindruck, als ob
alle sich daran belustigten und in ihrer
Art darüber lachten, wie das kleine aus-
gesetzte Ding noch unbeholfen sich Mühe
gab, ängstlich und möglichst hurtig wieder
heranzuwusseln.

Da änderte sich die Scene. Von der
Seite her erschien plötzlich das Männchen
durch das Ginstergewirr, ein junges Hühn-
chen im Maul tragend und nun mitten
zwischen seine Nachkömmlinge hinein auf-
tischend. Im Nu Hessen sie vom Spiel ab,
wimmelten um den Abendimbiss und zeig-
ten, dass sie sich schon gut darauf ver-
standen, mit den spitzen Zähnchen jeder
seinen Antheil von der Mahlzeit an sich
zu nehmen und eilig zu verspeisen. Die
beiden Alten hockten zuschauend daneben;
es konnte nicht Zweifel lassen, sie er-
freuten sich an der Hungerbefriedigung
der Jungen.

An einem der folgenden Tage hörte
ich, in der Nähe eines Landgehöfts vor-
überkommend, einen Knall und sah gleich
danach den mir bekannten bäurischen In-
haber mit einer Flinte in der Rechten, in
der Linken etwas Weissschimmerndes hal-
tend. Er rief mir entgegen: „Diesmal habe
ich den Hallunken, seit zwei Wochen lauer’
ich ihm auf.“ Zu ihm hintretend erkannte
ich das todte, durch den Kopf getroffene
Hermelinmännchen, und unwillkürlich kam
mir vom Mund: „Der arme Kerl —“. Doch
der Bauer fiel ein! „Da ist nichts zu be-
dauern, dem geschieht's recht. Ein blut-
dürstigeres Räuber- und Mördergesindel
gibt’s nicht; in einer Nacht hat er mir
fast ein Dutzend Tauben im Schlag um-
gebracht, nur eine weggeschleppt, aber den
andern die Hälse durchgebissen, ihnen das
Blut auszutrinken. So, mein Freund, nun
ist’s mit deinem Durst still.“

Darauf konnte ich vernünftiger Weise
nicht viel erwidern, sagte nichts als, dem
Erschossenen einmal mit der Hand über
die weisse Brust streichend: „Es ist nur,
wenn man Jemand persönlich gekannt hat“,
und ging weiter. Doch der schöne, zur
Abendstille neigende Tag sah mich ver-
ändert an, ich wusste mir nicht recht zu
sagen, wie. Das Knallen des Schusses hatte
einen disharmonischen Klang aufgeweckt,
der mir auch durch die Natur und in mir
selbst seine Schwingungen fortsetzte. Es
war so in der Welt und konnte nicht anders
sein; die Daseinsbedingungen des Thier-
lebens brachten es mit sich, wie gleicher-
weise das der Menschheit. Nur stellte es
sich in der Einfachheit des ersteren nackter

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Leo Prochownik: Zierleiste
Johannes Vilhelm Jensen: Das Hermelin
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