Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 1.1896, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 31

JUGEND •

1896

Mein Freund Philipp hat es nur selbst erzählt:
Mein Schlaf, sagte er gestern Nacht beim Nachhause-
gehen aus dem lveinhaus, mein Schlaf war ein äußerst
braver und solider Schlaf, ein ungemein vergnügter Schlaf;
ich konnte Tag und Nacht hindurch schlafen. Einige

nannten meinen Schlaf brutal. Ich
schlummerte nicht, ich schlief. Ich
konnte auf einem Bein stehend
schlafen. Er war zuverlässig, mein
Schlaf, und treu, treu — wie
— wie — nun, wie meine Frau,
ineine Donate! Ich schwelgte,
ich praßte ordentlich tu meinem Schlaf;
ich war ein Schlafvirtuose!

Abends, wenn ich aus den: Weinhaus
kam und zu Bett gehen wollte, sah ich ihn
schon am Fußende hocken und unter der
Gardine hervor seine spindeldürren, spinnen-
grauen Beinchen mit den schiefergrauen
Latschen fröhlich hin- und herbaumeln
— wenigstens glaubte ich zuweilen
so etwas zu sehen. Schlug ich dann
die Gardinen zurück, so war freilich
alles verhuscht; aber zwei, drei, höchstens
fünf Minuten nachher fühlte ich ganz deut-
lich, wie sich mein Schlaf wieder langsam
näherte, wie er sich lautlos, dienstfertig über
mich neigte, — ich spürte seinen mohn-
duftigen Gdein —, und empfand, wie er
sein feines, ganz feines Schleierchen mir leise
raschelnd über Gesicht und B^ust zog. Ganz
deutlich fühlte ich seine trocknen Aorkhände
an meinen Schläfen Herumtasten, dann ging
ein wohliges Aitzeln durch meine Lider, der Mund öffnete
sich plötzlich wie eine erblühende Tulpe, die Athemzüge
stiegen in regelmäßigen Zwischenpausen fontainenartig
aus der Tiefe der Brust empor und meine Glieder brachen
und schmolzen willenlos in ein graubrandendes Traum-

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Hans Koberstein: Zeichnung zum Text "Sein Schlaf"
Julius Lohmeyer: Sein Schlaf
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