Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 1.1896, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 54

JUGEND •

1896

Dämmerstunde

„Wen die Liebe rührt mit sanftem Finger,

Dem entperten Thränen bangen Leides" —

Alfa murmelt mir ein altes Liedchen,

Während meinen Kahn die Wasser wiegen.

Tröpfchen rollen blinkend von den Schwänen,
Wenn sie schüchtern meinem Kiele weichen.

Wen die Liebe rührt mit schlankem Finger,

Dorn rntperlen Thränen bangen Leides.

Dieder schau ich tief in's dunkle Wasser. —
Selig leuchten längst versunknr Auen —
Schlanke Jungfrau'n zieh'« und winden Kränze,
In empfah'n mit wundersamen Wonnen,

Wen die Liebe rührt mit sanftem Finger.

Gerhard veegener.

r*

Am Scblebbornstraucb
Mobl weit vom Dortc der Leblebdornstraueb»
Der wurde uns Weiden ein Metter; —

Ls tloss bernieder der Megen sebwer,

Ls trtelten Sträueber und Gräser umber»
Istings um uns lobte das Metter!

Ls grollte der Donner tm Melteuraum,

Als würde der Lrde kein morgen; —

Du aber leimtest am Derzen mein,

Wir gaben vereint in das Tosen binein,

Lins war im Andern geborgen!

Mir baben geküsst uns mit beissem Kldund»
Tlnd sollten uns Weide doeb meiden» —
Doeb so, wie das zuekende Metter lobt»
Lobt unsere Liebe, und nur der Tod,

Mur der kann uns trennen und sebetden! —

Hans Müller-Brauel.


Vision

In der Dämm'rung grauem Weben,
Aus der Geister fremder Sphäre
Sah ich durch mein Zimmer schweben
Line müde Bajadere.

Tanzt wie ehedem den Reigen,

Aber schlaffer sind die Glieder;

Und sie bricht das große Schweigen,
Trällert alte Liebeslieder.

Manchmal scheint mir, daß ihr Lächeln
Grausam bitter mich verhöhne;

Wenn die Finger zierlich fächeln,

Ist es mir, als ob die Schöne

Grinsend sich die lsände riebe,

Wie der Tod beim ljcnkersniahle . . .
Singt sie nicht von jener Liebe,

Die ich mit dem Leben zahle? ,z.

Zierrahmen von B. Pankok.

S42
Bernhard Pankok: Zierrahmen
Gerhard Deegener: Dämmerstunde
Hans Müller-Brauel: Am Schlehdornstrauch
Ferdinand Glunz: Vision
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