Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 1.1896, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 51

JUGEND

/

189«

Aemesterfchlrch

von Werner Wolfheim, mit Zeichnungen
von Artur Halmi.

Hans stand in Hemdärmeln vor dem ge-
öffneten Reisekoffer. In wenigen Stunden sollte
es fortgehen aus München, nach Hause zurück.

Fast ivar der Koffer schon ganz gefüllt, und
Hans ruhte sich von der Anstrengung des Packens
ein wenig aus. Mißmuthig ging er im Zimmer
umher. Er war schlechter Laune. Es wurde ihm
ein wenig schwer, München zu verlassen. Das
Semester — es war sein erstes — war doch zu
famos gewesen! Und wie er so auf und ab
ging, lebten die fröhlichsten Ereignisse wieder in
seiner Erinnerung auf. Was konnte sein Zinimcr
nicht alles erzählen, diese einfache Stube, in der
er sich zuerst so wohl gefühlt hatte. Solch
oimmbr« garnie hatte er sich vorher viel schlim-
mer vorgestellt, und freudig war er überrascht
gewesen, als er eine scheinbar komfortabel aus-
gestattete „Bude" fand, die sogar einen bequemen
Divan und Parkettfußboden auflvies. Und als
er sich noch ein Klavier gemiethet hatte, fand er
das Zimmer sv gemüthlich, daß er es in einer
sentimentalen Stuitde zum ewigen Andenken an
sein erstes Semester photographiren lassen wollte.
Aber nach und nach >var es ihm immer unbe-
haglicher darin geworden. Wenn er sich jetzt
umblickte, fand er kaum einen Fleck, kaum eilt
Stück im Zimmer, das ihm nicht Aerger bereitet
hatte. Auf das Parkett durfte er, wenn er sich
nicht dem höchsten Zorn der Wirthin aussetzen
wollte, beileibe nicht etwas Cigarettenasche fallen
lassen; für die türkische Divandecke — die Wirthin
fand sie konsequent „schottisch" — hatte sein Geld-

R beutel herhalten müssen, weil er ein
U Loch hineingebrannt hatte.. Die Haupt-
J\ erreger von Aergernissen aber waren: der
' I Ofen, der nie warm wurde, die Fenster,
die nie fest schlossen, und die weiße, ge-
waffelte Tischdecke, augenscheinlich eine ehemalige
Bettdecke, die immer schmutzig war.

Jetzt fielen Hans alle diese Unannehmlich-
keiten lvieder ein, und er gerieth in eine wahre
Wuth. Gleichsam um sich selbst zu beruhigen,
setzte er sich an das Klavier, das einzige Möbel,
welches ihn nicht geärgert hatte. Da die Noten
schon eingepackt waren, wollte er jetzt eigene
Kompositionen spielen, oder vielmehr die eigene
und einzige. Es war ein Lied. Er trug es
schon seit dem Anfang des Semesters bei sich
in der Brieftasche; allerdings nur die Singstimme,
zur Begleitung war ihm noch nichts eingefallen.
Aber bevor er zu spielen augefangen hatte, sprang
Hans ungeduldig auf, um weiter zu packen.

Drei Ueberzieher lagen noch auf einem Stuhl;
einen davon wollte er unterwegs anziehen, die
beiden andern aber mußten noch in den schon
jetzt fast ganz vollen Koffer hinein. Das war
nun eine neue Veranlassung, sich zu ärgern.
Wozu hatte er auch neben dem Sommer- und
dem neuen Wintermantel, noch den alten mit-
genommen! — Endlich entschloß er sich doch, die
Ueberzieher einzupacken und legte sie zu diesem
Zweck fein säuberlich, das Futter nach außen,
zusammen. Aber wie sein Blick auf die Innen-
seiten der Mäntel fiel, überkam ihn ein Grauen.
Auf jeder Brusttasche sah er in Riesenformat sein
Monogramm, das eine in silberner, das andere
in goldner Stickerei, und vom Stuhle her fiel
ihm vom dritten Mantel ein gleiches in grellem
Roth in die Augen, das sich besonders schön
ausnahm, da die rothe Farbe sich von dem
violett karrirten Futter äußerst effektvoll abhob.
— So konnte er unmöglich nach Hause kommen.

Er stellte sich vor, wie er daheim in das
Zimmer treten würde, wie ihm nach allseitigcr
Begrüßung die Schwester den Mantel abnehmen,

die Stickerei bemerken und lachend die versam-
melte Familiencorona darauf aufmerksam machen
würde. Der Vater hätte das ja einfach als
Sachbeschädigung aufgefaßt, und die Mutter im
günstigsten Falle die Stickerei ganz gut gefun-
den; aber sie liebte es gar nicht, daß ihr Häns-
chen solche Geschichten machte, zumal wenn die
Schwester etwas davon merkte. Wie würde diese
ihn necken! Und beim Auspacken des Koffers
würde sich dasselbe alles wiederholen!

Die Stickereien mußten also unbedingt be-
seitigt werden. Nur das „Wie?" machte Hans
Kopfschmerzen. Erst wollte er die Monogramme
einfach herausschneidcn; bald aber kam er von
diesem Plan ab, da er befürchten mußte, es
wurde noch viel unliebsamer nuffallen, wenn er
in jeder der Taschen ein großes, viereckiges Loch
hätte. — Er wußte sich nicht zu helfen und setzte
sich rathlos auf den Rand des Koffers.

Da klopfte es. Auf sein „Herein!" trat mit
einem herzlichen „Grüß Gott!" sein Freund Max
in das Zimmer. Hans erwiderte durch ein „Tag!"
und gab Max, der sich anbot, ihm beim Packen
des Koffers behilflich zu sein, die lakonische aber
deutliche Antwort „Nein!" Als Max ihm daraus
vorhielt, wie wenig schön cs wäre, am letzten
Tage so unliebenswürdig zu sein, erwiderte
Hans zuerst gar nichts. Endlich nach einem tiefen
Seufzer sagte er: „Du, was macht man nur,
um hier aus den Mänteln das Zeug, die Mono-
grantme 'rauszubekommen?"

Sehr erstaunt fragte Max nach deit Grün-
den, die seinen Freund bestimmten, diese Andenken
beseitigen zu wollen. Hans aber erklärte weder
Zeit noch Lust zu längeren Auseinandersetzungen
zu haben und erneuerte sein Hilfegesuch. Max
jedoch ließ sich wenig dadurch rühren und niit
einer gewissen Schadenfreude, die im Neid ihren
Ursprung hatte, machte er Hans Borwürfe ivegen
seiner Unbeständigkeit, indem er darauf hinwies,
daß Hans, wenn er einem Mädchen treu ge-
blieben wäre, jetzt nur ein Monogramm zu be-
seittgen hätte.

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Arthur Lajos Halmi: Zeichnung zum Text "Semesterschluß"
Werner Wolfheim: Semesterschluß
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