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Nr. 28

1897

. JUGEND •

Lisl mit öem pjjcren ZHmG

von Ernst von Ivolzogen

i3ic nur von Kindesbeinen an für das Höhere
gewesen. Ls lag ihr int Geblüt; denn obwohl
ihre dir-kten Vorfahren seit mehr als hundert
Jahren Bäcker und Melber gewesen,. besaß
die Familie doch in der näheren Verwandt-
schaft einen ordentlichen Professor der Uchier-
heilknnde, einen Zahnarzt nnd einen Photo-
graphen, welch' letzterer mit würde und ent-
schiedcnem Glücke das künstlerische Element
rcpräscntirte. Außerdem war ein Bruder des
Großvaters Bürgermeister in einem nicht ganz
nncbencn Städtchen und ein Schwager eines
Vetters war sogar Major. Man brauchte aber
gar nicht so weit zu suchen, um einem höheren
militärischen Ehargirten in der Verwandtschaft
zu begegne», denn ein richtiger Dheim er-
freute sich als Stations-Kommandant bei der
Gendarmerie eines großen Ansehens und des
Herrn Vaters Andergeschwisterkind war sogar
bei de» Hartschiercn. So bedeutete es denn
just nichts wunderbares, daß die Lisl von
früh an von Höherem träumte. Schon allein
die Thatsache, daß sic als Bäcker- und Melbers-
tochtcr, die an tüchtiges Zugreifen im Hause,
an Frühaufstehen und mit den Hennen zu
Bette geben gewöhnt war, sich auf’s Träumen
mit offenen Augen gar so gut verstand, war
eine Besonderheit, die den zärtlichen Eltern
zeitig anffiel und sie einerseits beunruhigte,
anderseits aber auch in ihrem Liscrl was Be-
sonderes vcrmuthen ließ.

Sobald das Mädl lesen konnte, verschlang
es alles Lesbare, einerlei, ob’s cs verstand
oder nicht, mit einem unheimlichen Heißhunger.
Dabei war's sonst gesund, obwohl's kaum die
Hälfte so viel Knödel vertilgen konnte wie
andere Mädln seines Alters nnd obwohl es
sogar das gesegnete Bier verschmähte.

„Gib sein Mbacht, Alte, was i Dir sag,
dös Madl, dös Lisi, do wenn nix draus wird,
was Ertrigs moan i, nacha derfst mi glei an
Depp hoaßnl" Und dabei blieb der brave
Bäck, trotzdem die Lisl aus der Schule von
Jahr zu Jahr schlechtere Zengnisse hcimbrachtc.
Der Vetter Photograph bestärkte ihn in seinem
Zutrauen, denn der war in der ganzen Fa-
milie berüchtigt gewesen als ein Erzlausbub
und rechter Malefiz-Stücklnmacher. Und justa-
» ment derselbige hatte es so weit gebracht in
seiner Kunst,' daß ihn die höchsten Herrschaften
mit ihrer Kundschaft beehrten und er seinen
Aeltcste» sogar auf der Akademie Kunstmaler
studire» lassen konnte.

„Das richtige Genie zeigt sich allemal dariti,
daß's auf der Schule nix taugt und überh.mpls
den gewöhnlichen Leuten mit ihre» beschränkten
Begriffen nur grad so auf den Kopf patscht."

Also hatte sich der Vetter Photograph ver-
nehmen lassen und der mußte es wisse».

Die Frau Mutter besaß kein Verständnis;
für den höheren Schwung, denn sie war eine
geborene Grünärmel, Salzstößlcrstochter ans
Pfaffenhofen, und die Grünärmelischen hatten
sich mit der Bildung niemals in nähere Be-
ziehungen eingelassen. Lisl war nnd blieb
ihr Sorgenkind und sie prophezeite ihr oft,
daß, wenn sie's mit dem wachsthum und der
Faulheit so weiter triebe, sie einmal zu nichts
Anderem als zu einem Hopfcnstangcrl z» ge-
brauchen sein würde.

Als Lisl sü Jahre alt war, hatte ihre
Bildung einen vorläufigen Abschluß erreicht,
nicht aber ihr wachsthum, obwohl sie bereits
m maß, von welcher ansehnlichen Länge
der Meter allein auf die Beine entfiel, die 6-x
auf das Uebrige. Das arme Ding machte
mit seiner verhältnißlosigkeit eine unglückliche
komische Figur und hatte viel unter dem Spott
der jungen Welt ihres Kreises zu leiden, zu-
mal da sie jetzt im Laden verkaufen mußte
und dadurch mit der großen Geffenllichkeit in
steter Berührung blieb. Ihr Haar war blond
wie das väterliche Semmelbackwerk, aber Zöpfe
kouilte sie sich davon aufstcckeir, die noch dicker
waren als des Vaters dickste Allcrseelenzöpfe.
Um die Stirne trug sie sich möglichst kraus,
und das Haarbrennen war fast die einzige
Verrichtung, welcher sie neben dem Roman-
lesen ernste Aufmerksamkeit schenkte. Eine ihrer
angcbornen Eigenschaften hatte sich übrigens
bereits zur vollen Größe ausgewachsen, das
war die Vergeßlichkeit. Lisl war im Stande,
einfach Alles zu vergessen. Sie konnte nie
einen Auftrag ausfiihrcn oder einen Bestich
in der Nachbarschaft erledigen, ohne daß sie
hinterher nicht noch einmal umkehre» und die
vergessenen Dinge nachholen mußte. Einmal
hatte sie sogar, als sie zur Beichte gegangen
war, ihre neuen Stieflctten in der Kirche
stehen lassen. Sie hatten sie nämlich gar sehr
gezwickt, die neuen Sticflettcn, darum hatte
sic sie unter der Bank heimlich ausgezogen
und war dafür in ihre Giimmischiihe geschlupft,
in denen sie, durch die Absolniiou von allen
Sünden befreit, in nngcmcin gehobener Stim-
»inng heimkehrte. In ihren Regen-und Sonnen-
schirmen, Hüten, Handschuhen, Krägerln,
Taschen, Marktkörben ». s. w. hatte die vor-
sorgliche Mutter Zettel mit der vollständigen
Adresse befestigen müssen, denn sonst hätte sie
diese Dinge gleich dutzendweise anschaffen
dürfen.

Bei Sonntags-Ausflügen schleppte Lisl
regelmäßig einen Romanband und den Lrenn-
apparat im Sacke mit, wodurch es denn sehr
häufig passirtc, daß der geistige Gehalt des
Schmöckers sich bei der Heimkehr durch den
ausgelaufenen Spiritus bedeutend vermehrt
zeigte. Daß die Lisl mitten auf der Gaffe
einen Unterrock verlor, darüber stolperte nnd
sich noch höchlichst wunderte, wie Jemand
solche Gegenstände so nachlässig hcrumliegcn
lassen konnte, daß das Publikum in geradezu

unverantwortlicher weise dadurch gefährdet
würde, das war sogar mehr als einmal vor-
gekommen! Aber da der Vetter Photograph
diese Anzeichen eines stetig reifenden Genies
mit Befriedigung anfnahm, so söhnte sich auch
der immerhin etwas bedenklich gewordene
Vater damit ans und drückte sogar ein Auge
zu über die vielen Unznträglichkeilen, die
Liserls Vergeßlichkeit für das Geschäft mit sich
brachte.

Als das Wunderkind ;8 Jahre alt war,
stellte sich's endlich heraus, wo das Genie bei
ihm saß. Sie hatte es in der Kehle. Ls ent-
wickelte sich ein so gewaltiges Stimmmaterial
bei ihr, daß sogar der (vnkel Zahnarzt sich
die Dhren znhaltcn mußte, als sie ihm ein-
mal zur Probe etwas vorsang. Der Mnkel
Zahnarzt verstand nämlich etwas von Musik
und nahm als Mitglied des Gesangvereins
„Stimmritze", sowie als Bratschist im Mrchester-
vcrein „wilde Gung'l" eine gewisse Stellung
in mnsiklicbenden Kreisen ein. Auf sein Be-
treiben wurde Lisl zu einer hervorragenden
Gesangsmoisterin der Residenz in die Lehre
gethan. Das kostete zwar ein Heidengeld,
aber der Alto zahlte es um so lieber, als er
sich sagen durfte, daß auch die musikalische
Begabung nicht von de» Grünärmlische», son-
dern ausschließlich aus seiner Familie stamme.
Er hatte i» seiner Jugend selbst nicht uneben
Zither gespielt und verfügte »och immer über
einen Bariton, der bei gemüthlichen Familicn-
Unterhaltungen recht geschätzt war. Ls war
jetzt ausgemacht, daß die Lisl zur Gper ging-
Sie besuchte auch die Musikschule, und der
Herr Vater nahm ihr zu Liebe sogar ein
Viertels-Abonnement im dritten Range des
Hoftheaters.

Jetzt war Lisls gute Zeit angebrochen-
Sie maß jetzt einen Meter 72 in die Länge,
aber darüber vergaß sie nicht ganz, auch i»
die Breite zu gehen, so daß sie endlich mög-
liche Verhältnisse annahm. Die Kleider saßen
ihr jetzt schon ganz anders als vor zwei Jahre».
Sic zeigte einen guten Geschmack und schöpfte
aus dem eifrigen Studium des Spiegels die
tröstliche Hoffnung, daß sie sich langsam aber
sicher zu einem entschieden hübsche» Mädchen
entwickelte. Da sic bereits ausweislich ihres
Mcrkbüchlcins für Lektüre Romane ge-
lesen hatte, so hielt sie selbst ihre Bildung
nach dieser Richtung hin für einigermaßen
abgeschlossen und fand es an der Zeit, sich
nunmehr auf das Studium des Lebens z»
werfen. Dazu hatte sie auf der Musikschule
reichlich Gelegenheit. Sie schloß einige
schwärmerische Freundschaften mit junge»
Mädchen nnd begann auch die männliche
Jugend, die mit ihr den gleichen hohen Ziele»
zustrebte, mit inniger Theilnahme zu betrachten-

Schon immer war es ihr Bestreben ge-
wesen, sich vor Ihresgleichen durch eine ge-
bildete und gewählte Sprache auszuzeichne»!
der angeborne Schwung zum Höheren forderte

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Index
Fidus: Fleischesser und Vegetarier
Ernst Frh. v. Wolzogen: Lisl mit dem höheren Schwung
 
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