Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 2.1897, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 34

JUGEND

1897

„Nein, aber die Menge Menschen! Das
riecht so schlecht!"

Hier fing cs an, Theresa!

Kein Wort für mich nnd meine Arbeit?...
Ich hatte cs erwartet: Nur das kleine liebe
Wörtchen: „O Dn!" oder „Mein Geliebter"...
Aber es kam nicht und ich, bekümmert fühlte
ich, wie Dn Deine Rolle auch in diesem Augen-
blick weiter spieltest. Aber Dn hattest Recht,
sagte ich mir wieder. Tausende von Augen
sehen auf uns.

Aber ein Wort für meine Arbeiter, meine
treuen redlichen Heiser, ohne die ich nichts
war nnd nichts schaffen konnte! — Aber auch
das Wort kam nicht.

„Bitte sprich einen Arbeiter an!" flehte ich,
während das Brausen und Stninpscn einer
Maschine uns umtoste.

„Ich mag nicht. Der Gereich hier von all
den Menschen!" — Das war die Antwort.
Das war alles!

Ich sah Dich an nnd Du mich auch. Manch-
mal sehen wir einem Menschen in die Augen,
der uns jahrelang lieb nnd vertrant war. Und
dieser eine Blick wirkt seltsam nnd besremdcnd.
AlS ob er nnd ich Plötzlich andere Augen hätten
und Plötzlich mit andern Blicken sähen. Man
erkennt sich nicht mehr, obschon man sich genau
kennt. Man sicht, der andere hielt jahrelang
ektvas verborgen, was jetzt erst der Augenblick
enthüllt hat. Blitzschnell fühlt man imAnderen
ein fremdes nnd kaltes Element.

So ging cs uns in diesem Augenblick.
Und wie jetzt die beiden Conitessen näher
traten, da sagte die eine, die schlanke, blonde,
die Dn nie mochtest: „Jetzt erst lerne ich Ar-
beit bctvundern!"

„Darf ich ans Dankbarkeit Ihnen die Hand
küssen," tvar meine Antwort und enthusiastisch
griff ich nach ihrerRechten. Sie lieg cs lächelnd
geschehen. Dn sahst spöttisch zu und ich rief:
„Die gnädige Baronesse riecht nur Menschen,
>vv Sic die Arbeit bewundern."

„Ich Vertrag' das nun einmal nicht!" war
Deine Antwort.

Sie tvar kindisch, unartig, nein mehr, sie
war schändlich!

Aber welcherStreitvcrgehtnichtvorweichen
Frauenhände»! Ein Kusj von Frauenlippen
vernichtet die bittersten Worte, welche dieselben
Lippen gesprochen und ein langer Blick er-
langt mehr Verzeihung, als schlimme Worte
erfordern.

Daruin war schon am nächsten Tage alles
wieder gut.

Aber kurz vor dem Abschiednehme», da
singst Dn noch einmal an. Du könntest nichts
dafür. Dn seist nun einmal so eine ausge-
sprochen ästhetische Natur: Ein schlechter Ge-
ruch mache Dir die besten Menschen unleidlich.
Ost hätte Dir in Gesellschaften ci.i Mann
Interesse cingeflößt, dann kam eine hässliche
Armbewegung, eine unschöne Geste mit dem
Taschentuch, schlechtes Parfüm., o, ein Dutzend
solcher Dinge sagtest Dn mir erregt in's Ge-
sicht. Du wolltest Dich vcrtheidigen und statt
einer Verthcidigungsrede begingst Du in einer
Minute ein Dutzend neuer Verbrechen.

Beim Abschied küsste ich Dich >vie immer.
Aber in diesem Augenblick haßte ich Dich und
Deine ganze Art.

Deine Worte senkten sich in mir herab tvie
Tropfen glühenden Erzes. Ich begann auf
mich zu achten. Meine Binde riß ich sechsmal
ab, ehe mir ihre Schleife gefiel. Ich stand vor
dem Spiegel nnd riss die Lippen auf, um meine
Zähne zu prüfen. Ich stellte mich an einen
Parsümladcn und musterte die im Schau-
scnster ansgelegten Waarcn. Ein Kästchen
mit Elfenbcingegenständen fiel mir auf. Als
ich schärfer hinsah, zählte ich darin elf einzelne

_

Ernst Neumann (München).

Gegenstände, welche alle bestimmt waren, die
Nägel zu putzen. Elf Gegenstände um 44 Mark
sür zehn Fingernägel.

Aber ich behielt meine Besinnung. 44 Mark
verdiente der geschickteste Werkmeister der Ma-
schinenanstalt meiner Chefs kaum. Und von
diesen 44 Mark lebten ein Mann, eine Frau
nnd Kinder, ettva drei, vielleicht sechs. Und
znsrieden! Und dankten Gott sür das tägliche
Brod!

Und mit einem Ruck kehrte ich um.

Das war Mittags um ein Uhr.

Abends um (i lihr war die letzte Maschine
in der großen Halle fertig. Für 8 Uhr hatten
meine Chefs mir zu Ehren ei» großes Fest-
essen angcsagt. Ich hatte nur von halb 7 bis
7 Uhr Zeit zu Dir herauszuschlüpfen. Direkt
von der Halle kam ich, denn wem sollte ich
meinen Jubel, meine Freude, meinen Stolz
anders zu Füßen legen, als zuerst Dir!

Was soll ich Dir wiederholen, was in diesen
wenigen Minuten geschah!

Ich kam aus dem Fleiß nnd Schweiß der
Maschinen zu Dir. Und tvie ich Dich in meiner
grauen Joppe an meine Brust reiße, um
Dir zu sagen, daß ich jetzt Leiter der grössten
Maschinenfabrik Deutschlands geworden, daß
mein Einkommen nunmehr groß genug wäre,
um meine Verlvöhnte kleine Frau in ihr er-
sehntes kleines Schloß zu setzen, .... da
preßtest Du beide Hände gegen meine Brust,
während ich Deine Taille umschlang, nnd
bogst das Haupt so weit zurück, daß ich das
weiße Unterkinn sah und . . .

Dieses physische Entsetzen inDeinenAngen!
... Ich vergesse cs nie!

Was nun geschah, weiß ich nicht mehr.

Aber sinnlos muß ich gewesen sein, denn
nur in meiner Sinnlosigkeit vermochte ich ein
Weib zu schlagen.

Und mein Weib zu schlagen!

Dich, Theresa! —-

So, nun ist mein Bckenntniß zu Ende.

Dir zürne ich nicht, tvcil Dn nicht anders
empfinden konntest, als Dn empfindest.

Aber auch mir laß das Recht, zu fühlen,
tvie ich kann.

Nur daß ich Dich geschlagen habe, macht
mir das Herz schwer und stillt es mit Neue.
Darum verzeihe mir.

Aber immer wieder, wenn ich an diese Mi-
nute denke, scheint es mir, als ob der Plebejer
in mir das aristokratische Wesen in Dir ge-
züchtigt hat, jenes Wesen, daS er in tiefster
Seele haßt und mit unauslöschlicher Sehn-
sucht liebt.

Sei zufrieden mit diesem letztenGeständniß!

Fritz Froben.

Wohlfeile Kritik

Wie spottet er der kleinen Geister,

Die blöd’ vor etlichen Jahrzehnten
Den grossen Genius verhöhnten,
Verfolgt den herrlichsten der Meister!
Wie fühlt er sich so hoch erhoben.
Darf er den Anerkannten loben,
Und Jene schmäh’ n als Uebelthäter —
Weil ihm das grosse Glück gelacht.
Dass ihn um zwanzig Jahre später
Die Mutter auf die Welt gebracht.

Oskar Wilda.

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Oskar Wilda: Wohlfeile Kritik
Ernst Neumann-Neander: Zierleiste
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