Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 2.1897, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 34

JUGEND

1897

Lchvnheit durch eine geliebte Seele; der unmittel-
bare Genus; tritt zurück hinter dem Gedanke»:
Wie wird ihm das gefallen! Wie wird ihr das
Herz springen, wenn ich sie mit einem Male d a
hinabsehen lasse! — Das ist eine besondere Neisc-
sreude, und ein besonderes Reiseleid ist es, in ein
seliges Gefild zu schauen und die nicht herbei-
rufen zu können, die mau liebt.

Einmal aber war ich an einen Gesellen ge-
raten, der sich morgens ans 45 oder 50 Kilometer
einstellte und der sich dann den Tag über darauf
beschränkte, abzulaufen. Die 45 Kilometer lagen
ihm tags über wie ebensoviele Kilogramme aus
dem Herzen, und erst des Abends, im Bett, em-
pfand er sein Reijeglück. Ein Turm, der in seinem
Plane stand, muhte genommen werden, das half
dem Turme nichts, lind tvemi über der obersten
Plattform ein Schutzdach tvar, so stieg er auf's
Schutzdach. Unterwegs pflegte er mir die Zeit
damit zu vertreiben, das; er feststellte, wann wir
zu einem Kilometer 10, wann 11, wann gar
12 Minuten gebraucht hatten. Zwei Tage lang
vertrug ich's wie ein Lamm. Der Kerl war mir
neu. Am Abend des zweiten Tages, als noch
5 Kilometer Pensnni unerledigt waren, erklärte
ich, hier, in diesem Dorfe über Nacht bleiben zu
wollen. Er starrte mich an, sah meine sanfte
Unerschütterlichl'cit und fügte sich. Aber er war
gebrochen. Als er schon eine halbe Stunde im
Bett gelegen hatte — ich sah noch ans bem Balkon
unseres Zimmers — horte ich ihn stöhnen. Ich
fragte, ob ihm etwas fehle.

„Nein — nichts.-Morgen ist ’» stram-

mer Tag."

„Wieso?"

„Na, 48 Kilometer haben wir so schon, und
daun noch die 5 von heute —"

Am nächsten Morgen nahm ich mit verbind-
lichen Worten von ihm Abschied, indem ich mich
für seine Gesellschaft bedankte.

Freiheit! Du bist mir das Köstlichste au allem
Reisen! Dies Losgebundensein von allem, von
allem gewohnten Zwange: Das ist das Unbe-
schreibliche! Nicht nur, das; ich saulenze» darf:
das könnt' ich ja auch zu Hause. Aber hier bin
ich für keinen zu haben; lein Mensch hat mir
tvas zu sagen, aber auch keiner! Die Briefe, die
jetzt zu Hause ankommen, brauch' ich nicht zu be-
antworten, hihi! Wenn '» langweiliger Kerl
kommt, um mich zu besuchen — „Der Herr ist
verreist!" — hihihi! Einladungen zu dringenden
Konnte-, Ausschuh- und Vorstaudssitzuugen —
es thut mir ja riesig leid; aber ich bin entschul-
digt — hihihihiii! Freilich: wer das ganze Jahr
hindurch thuu und lassen kann, was er will, der
hat auch diese einzige Freude nicht einmal. Und
wer auf Reisen geht, um drangen die Genüsse
der Stadt und des Hauses und des Winters und
der „Gesellschaft" zu suchen, mit anderen Worten,
tver aus Reisen geht, um zu Hause zu bleiben,
der kennt dich nicht, herrliche Losgelasjenheit! Es
klingt paradox: aber das Köstlichste am Reisetag
ist die Morgenstunde bei der Toilette und beim
Kaffee. Denn dann liegt so ein ganzer, ausge-
streckter Tag im goldenen Freiheitslichte vor mir,
und ich bin sein souveräner Herr. Ich kann auf
den Berg steigen; ich kann um den See wandern,
ich kann das Thal hinausgehe», ich kann auch
hier unter der breiten Linde sitzen bleiben und
lesen, d. h. schließlich kann ich ja nur eines; aber
vorläufig kann ich alles und genieß ich alles.
Darum ist eine Reise für mich ein einziger langer
Sonntag, der große Sonntag des Jabres, und
alles, was mir ans Reisen begegnet, ist Sonntag.

Als kleiner Junge wurde ich jedes Jahr ein-
nial zur Weihnachtskomödie in's Theater ge-
führt. Das war für mich der große Lichtpunkt
des Jahres. Dann sah ich in allem Treiben
und Gewimmel der Großstadt eine festliche Be-
tvegung, ja, cs war mir, als ob alle von meinem
Freudentage wüßten und alle Menschen und alle

Adolf H'öfcr (München.*)

flimmernde» Herrlichkeiten sich rüsteten, mich zu
entzücken. Das; an diesem wunderbaren Tage
Jemand so theilnahmslos, so unfreundlich und
abgeschmackt sein könne, an Arbeit und alltäg-
liche Dinge zu denken, das schien mir unmöglich.

Dieselbe kindliche Illusion begleitet mich noch
immer, wenn ich auf Reisen bin. Ich weiß eS
ja, aber ich kann cs mir nicht vorstellen, daß der
Tag meiner Freiheit und Freude für die Men-
schen, die mir begegnen, ein Tag der Last und
der Sorge sein könne, lind ungefähr so, mein
ich, muß es allen sein, die „recht in Freuden
wandern." Der sonntägliche Hauch, der über
der Ferne liegt, läßt uns wohl gerade eine fremde
Gegend so oft schöner erscheinen als eine heimnth-
liche, mag sie auch durchaus nicht schöner sein.
Denn ob tvir noch so sehr die Heimat lieben:
das wissen wir zu gut, daß in ihren Thülern und
Höhen auch die alleralltäglichste Mühsal und
Trübsal schreitet, unsere eigene Mühsal und Trüb-
sal ist auf ihren Wegen gewandelt.

■ Sollte nicht das „soziale Mitgefühl" bald
einmal darauf verfallen, den vom Alltag Er-
drückten, die Jahr für Jahr in ungelockerter
Arbeitssessel verbringen, dasjenige zu geben, was
der Mensch so nothwendig braucht wie das Brod:
einen Sonntag, einen Jahrsonntag, einen Frei-
heitSsonntag, einen Reisesonntag? Ich habe mir
sagen lassen, daß in England und Schottland
die Arbeiter wenigstens an vielen Orten 8 bis
14 holidays bekommen und dann mit Kind und
Kegel auf's Land ziehe». Man weiß bei uns
wohl noch nicht, wie viel Kraft und Freude ein
Sonntag geben kann. Ein richtiger Sonntag
vergoldet alle Werkeltage und gibt auch dem Ge-
plagtesten das Bewußtsein höherer Bestimmung.

lind etwas Prachtvolles an der Reise ist doch
auch die Heimkehr! Dieser Arbeitshunger, diese
Frische. Mit spöttisch überlegener Kraft jvnglirt
man mit den schwierigsten Aufgaben wie etwa
der göttliche Herakles mit einem Rohrstuhl, lind
dann wird's einem klar, daß man doch wirklich
das gemüthlichste Sopha von der Welt besitzt.
Ich gebe ja zu: das ist etwas philiströs gedacht.
Aber verachten wir die philiströsen Freude» nicht
ganz: das wäre philiströse Verbohrtheit. Ver-
gessen tvir nicht, das; alle Wcrthc relativ sind
und daß alles Empfinden sich an Gegensatz und
Wechsel entzündet. Nach einem munteren Reisc-
bummel und nach einem Souper mit angeschlvsse-
nem Dejeuner ist cs köstlich, Philister sein zu
dürfen. Nur darf mau von allen Dingen der
Welt eben dieses Ding am wenigsten übertreiben.
Das ist cs ja, tvas uns an den echten Philistern
so sehr verletzt: das; sie nicht Maß zu halten
wissen. Leute dieser Art sollten reisen, nach den
entferntesten Gegenden, wo die schärfsten Gewürze
gedeihen, und sich dort niederlassen. Das würde
den Werth des Reifens aus's Neue beweisen.

Otto Ernst.

Münchner Kunstausstellung

Jan Toorop

Hier, mit Vergunst,
Ist eine Kunst
Gar sehr verzwickt
Und fehr verrückt.

Ein Räthsel gibt
Uns, der sie übt:
Man fragt sich, ob
Er uns utzt mit ihr,
Halb scheint er Snob
Und halb Fakir.

Tief — tief shmbvlisch,
Man tvird daraus
Nicht klug — alkoholisch
Sieht's auch fast aus.
Buddhistisch tief,
Mauieristisch seicht,
Raffiuirt naiv,
Talentvoll — vielleicht!
Man könnt's so nennen,
Doch ob dem so sei?
Wer kann es erkennen
Bor Narretei!

Franz Rumpler

Bor Staunen fast hält' ich 'neu Rumpler gcthan:
Ein Wiener Maler, der so viel kann?

576
Adolf Höfer: Zierleiste
Dick: Münchner Kunstausstellung 1897
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