Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 3.1898, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 22

JUGEND

1898

»

Linda Kögel (Berlin).

Poesie ein Weib. Fern sah ich sie wandeln
in einer der tpueralleen. Sie hatte so was
Langes, Schlankes und trug zu einer Hellen
Bluse einen kleinen Matrosenhut, daß ich sie
von weitem für eine Engländerin hielt und
sehr erschrak. Ich stellte meine wirthin zur
Rede, die mir geschworen, daß ich ihr ein-
ziger Gast und das vermiethen und verköst-
igen eine Art von verdienen sei, zu der sie
sich nur ausnahmsweise verstände. Dieser
weibliche Gast, grade angekommen, sei eben
die zweite Ausnahme dieses Sommers. Die
Gräfin, in ihrer Nachtjacke schwitzend, holte
mir ein Zettelchen mit dem Namen der Dame
herbei. Ich las: Frau Anne . . . nun, der
Vorname wird Dir, mein alter Junge, ge-
nügen. „Die Signora ist Wittwe und sehr
schön," theilte mir die Gräfin mit und lächelte
mich an.

Anne war nicht grade schön, aber anziehend,
so anziehend auf den ersten Blick, daß mit
einem Mal alle Nervosität bei mir wie weg-
geblasen war und ich meine Zeit aus das
reizvollste ausgefüllt fand durch die bloße
Beschäftigung, Anne zu bewachen und es so
einzurichten, daß ich ihr in unfern Alleen be-
gegnete.

Das Milieu Hab ich Dir geschildert. Du
kannst Dir denken, daß die Bereitschaft meiner
Seele sich in ihm bis zur völligen Lmpfangs-
fähigkeit gesteigert hatte. Nun denk vir in
diesen Rahmen, der durch die Größe seiner
Linien den Ungeschmack der Details nicht nur
vergessen ließ, sondern vielleicht grade durch sie
noch eigenthümlicher wirkte, denk Dir, sag ich,
in diesen Rahmen ein lveib, das dafür ge-
schaffen schien. Lin stilles, ernstes Gesicht, in
dem aber der Blick dunkler Augen, die Winkel
des Mundes und manche Ausdruckslinien von
Leidenschaftlichkeit sprachen. Sie erinnerte mich
an die Götter unter den Platanen: sie haben
einst im freudesprühenden Leben gestanden —
nun träumen sie still und Niemand freut sich
ihrer Reize. —

Daß Anne ein Schicksal gehabt habe und
daß man sie trösten könne, stand bei mir so-
gleich fest. Trostspendung ist ja das altbe-
rühmte Mittel, zwei lferzen zusammenzukuppeln.
Aber obgleich die Gelegenheit uns gradezu
aufeinander anwies und aufeinander zutrieb
und obgleich wir uns täglich Stunden lang
vertraut über Kunst und Lebe:: unterhielten,
ließ Anne mich dennoch mit keinem Worte
merken, daß irgend ein besonderes, frisches
Leid an ihr zehre.

Die Geschichte meiner Liebe will ich Dir
nicht erzählen. Denke zurück an die Anfänge
Deiner Liebeserlebnisse und Du weißt, wie das
wird und wie das wächst.

Auf den Steinbänken, die klobig und grau
hie und da zwischen Platanen und Göttern
standen, saßen wir zu allen Tageszeiten; sie
gelegentlich mit Handarbeit oder Buch, ich
mit Skizzenmappe oder Zeitungen.

5o saßen wir auch Abends nach unserm
Diner, das wir gemeinsam nahmen, und wenn
wir nicht zusammen gleich in den Garten
treten wollten, verabredeten wir uns, wo wir
uns treffen würden: in der Venusallee, in
der Musenallee, in der Apolloallee u. s. w.,
denn wir hatten die Wege, getauft nach der
Statue, die uns grade in der Linie am besten

gefiel. Ich war nicht blind, mein alter Hans'
ich mußte sehen, wie ihr Auge mehr und
mehr zu leuchten begann und wie ihr ganzes
Wesen ausblühte. Dieser verjüngungs- und
Verschönerungsprozeß unter den Sonnenstrahlen
einer neuen Liebe beim Weibe hat für mich
immer was Rührendes nnd Erregendes gehabt.
Er hebt das Machtbewußtsein meiner Männ-
lichkeit.

Sie war eine gescheidte Frau. Du weißt,
ich bin nicht der Meinung, daß Dummheit
zum Liebesglücke absolut nöthig sei. Ich will,
daß zwischen zwei Umarmungen meine Ge-
danken im Zick-Zackflug spazieren gehen können,
und es entzückt mich, wenn die Phantasie und
das verständniß der Geliebten stark genug sind,
mir zu folgen.

Ich dachte nicht daran, sie zu heirathe»
— noch nicht! Aber ich erwartete alles von
ihr, was eine Frau nur zu geben vermag.
Förmlich raffinirt schob ich das Wort der
Erklärung hinaus und brannte in allen Vor-
freuden und Begierden baldigen Besitzes. Ich
rannte spät noch durch die Alleen und sah
von fern das Licht durch ihre weißverhüllten
Riesenfenster sanft in die Nacht hinauswirken
und dachte: wenn ich will, scheint mir morgen
dieses Licht zu meinem Glück I

wir fingen an zu leiden. Sie auch, ich
sah es wohl. Die Spannung ward (Hual
und das war der Moment, sie zu lösen.

wir saßen nebeneinander auf einer Stein-
bank. Rechts von uns stemmte ein fetter
Mars sein Schwert auf sein Postament, links
von uns zeigte eine Venus ihre trockenen,
grauen Stcinbrüste im Sonnenbrand. Anne,
im weißen Kleid, von rothen Schatten über-
flammt, die ihr rother Sonnenschirm hergab,
saß still. Ueber uns raschelten sacht die Pla-
tanenblätter.

Ich nahm Annes Hand. Sie ließ sie mir.
Sie duldete auch die Küsse auf Hand und Arm.
Unsere Blicke bohrten sich ineinander — es
war jenes verzehrende sich Anschaun, welches
den Wunsch, ja die Nothwendigkeit ausdrückt,
sich ganz zu gehören.

Der Sonnenschirm fiel hintenüber und
Anne hielt ich in meinen Armen. Zwischen
heißen Küssen lächelten wir uns an, wie zwei
Erlöste.

Ich flüsterte ihr in's Ghr: „Heute Nacht!"

Sie schloß die Augen, öffnete den Mund
ein wenig und durch ihren Körper, den sie
fester an mich drückte, lief ein Beben. Ich
verstand. Ja, hieß dies, ja, in wonniger
Erwartung.

Und mit einem Mal wurden wir beide
ganz übermüthig. Der Tag verstrich uns
unter kindischen Scherzen. Anne entzog sich
meinen Küssen und ich war zufrieden damit,
nur ihre Hand, ihre Wange schmeichelnd lieb-
kosen zu dürfen, Heute Abend-—

Unsere dicke wirthin mit dem Doppelkinn
über dem zu reichlichen Busen lächelte uns
mit verletzenden: verständniß an. Aber zum
Glück merkte Anne es nicht.

Und der Abend kam. wir wurden still.
In bangem Schweigen, nicht einmal Hand in
Hand, wanderten wir durch die Alleen. Kaum
erkannten wir noch unsere Gesichter und als
wir bei unserm £jin und wieder uns aber-
mals dem Hause zuwandten, schimmerte von

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Linda Kögel: Zeichnung ohne Titel
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