Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 2

JUGEND

1899


Die Hobson-Küsserei

Ein Zeitungsbericht meldet aus Amerika:

„Das Hobson-Fieber ist bei den Amerikanern noch
nicht um einen Grad gesunken. Das zeigt eine Meld-
ung aus Chicago, wo Lieutenant Hobson, der „Merrimac-
Held“, über den Krieg und sein Abenteuer vor San-
tiago Vorträge hält und zum Schluss „alle hübschen
Mädchen“ küsst. Dieser Tage leistete er sich 165
Backfische und „Damen unter 18 Jahren“. Der An-
drang Derer, die um jeden Preis und coram publico
geküsst werden wollten, war so gross, dass die Schutz
ieute Spalier bilden mussten.“

Der Lieutenant Hobson, seht’s!

Er küsst noch immer

In den United States
Die Frauenzimmer!

Weil er den „Merrimac“

Versenkt so muthig,

Küsst ihm das Weiberpack
Die Lippen blutig!

Oft kommen Hundert dran
An einem Tage,

D:.s ist dem jungen Mann
Doch eine Plage!

Was man so übertreibt,

Das muss ich schelten —

Wenn’s nur beim Küssen bleibt,

Mag’s ja noch gelten!

Aber man kann damit
Leicht sich vergessen.

Kommt doch der Appetit
Meistens beim Essen!

Der Gott der Liebe ist
Ein frecher Bengel

Und so ein Lieutenant küsst
Nicht wie ein Engel.

Glück, Glas und Unschuld sind
Gar schnell in Scherben,

Manches verliebte Kind
Wird er verderben!

Bis die Beweise dann
Zum Himmel schreien —

Und auch ein Hobson kann
Nur Eine freien!

Dann ging so manche Miss
Lieber ins Wasser,

Flucht auf den Hobson-kiss,

Sammt dem Verfasser.

Freilich ist Eines gut:

Trotz Weh und Schande:

Feuriges Heldenblut
Kreist dann im Lande!

Wie’s auch bekommen mag
Den Frau’n und Mädeln,

Wird’s doch den Yankeeschlag
Sicher veredeln! i>ick

Lustige Nachrichten

In Leipzig ist ein Drepfns-Stück aus sitt-
lichen Gründen verboten worden, nachdem
es lOOmal aufgeführt war. Inzwischen
sind die armen Leipziger natürlich moralisch
vollständig heruntergekommen. Es werden viele,
viele Aufführungen der „Frauenjäger", der
„Schildkröte", des „Dr. Jojo" und anderer
Franzoscnschwänke dazu gehören, um sic wieder
hoch zu bringen. __

Ein Dr. Esser hat zu wiederholten Malen
Kamerun bereist ttnd dem deutschen Kaiser über
seine Beobachtungen einen Bortrag gehalten.

Dieser Bortrag wurde von dem Monarchen
sehr günstig aufgenommen, einschließlich der Be-
merkung, daß in Kamerun zu viel regiert werde.
Ach, lieber Herr Dr. Esser, bitte, bitte, bereisen
Sic nächstens auch mal Puttkamcrun und seine
sämmtlichen deutschen Enklaven 1

Die einstmalige Königin van Madagas-
kar, Ranavola, hat ctuf Rennion einem recht
hellfarbigen Knaben das Leben gegeben. Der
Batcr des Knaben ist sofort vom Kriegsmini-
ster aufgefordert worden, nach Frankreich zu
kommen und seine Kraft dem engeren Vatcr-
lande zu widmen. Der Kolonialminister hat
indessen, sobald er hiervon Kenutniß erhielt,
intervcnirt.

Die Lübecker haben, obgleich kein Zedlitz-
Trützschler ihnen drohen kann, dem Senior der
Geistlichkeit die Beaufsichtigung des Reli-
gionsunterrichts und die religiöse Prüf-
ung der Lehrer übertragen. Die groben La-
teiner nannten so etwas „Ruere in servitinm“;
aber die waren auch lange nicht so große Mar-
zipanbäcker tute die Lübecker. Der bekannte
Spruch von den Rürnbergern wird jetzt um-
gedichtet werden, und fortan wird man singen:
Die Lübecker duckt halt Keiner —

Sie ducken sich schon zuvor.

Der frühere britische Botschafter in Berlin,
Sir Edward Malet, kömponirt an einer
Oper. Graf Philipp, durch diese Nachricht zu
edlem Wetteifer angestachelt, hat sich ebenfalls
wieder ans Komponircn gemacht, um der
Welt zu zeigen, daß andere Botschafter auch
noch ivas können!

Herausgeber; Dr. GEORG HIRTH; verantwortlicher Redakteur: F. von OSTINI; G. HIRTH’s Kunstverlag, verantwortlich für den Inseratenthcil: G. EICHMANN; sännntlich in Münc ten,

Drück von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung in München.

ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
[nicht signierter Beitrag]: Lustige Nachrichten
Dick: Die Hobson-Küsserei
Monogrammist Frosch: Der russische Orgelmann
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