Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 3

JUGEND

1899

Verführung A. Rummel (München).

Ginsl!

von Llsbeth Meyer-Zörster

IDls Frau Ergutt nach sieben Jahren der un-
glücklichsten Ehe endlich — endlich! — zu
dem Entschluß gekommen war, sich von ihrem
Gatten zu trennen, trat ein unerwarteter Zwischen-
fall ein: Sie suhlte sich Mutter werden. —

Gott segnete also dieses gottlose Band, noch
ehe es ganz zerriß! Eme fromme, anbetende
Demuth erfüllte das Herz der jungen Frau. Der
Entschluß, der noch wemgc Zeit vorher so felsen-
fest vor ihr gestanden, wich sofort zurück vor
der sich neu austhuenden Hoffnung. Nein, nicht
scheiden, nicht trennen, nicht dem Kmde den Vater
rauben! Alles würde sich ertragen lassen mit
dem Gedanken an ein Kind! —

» Einst, wenn dasselbe über die zartesten Tage
der ersten Kindheit hinweg sein, nicht mehr in der
Hilflosigkeit der ersten Jahre stecken würde —
einst würde sie ihren Entschluß doch noch aus-
führen. Nur jetzt — für's Erste nicht!

Und sie bekam ein rosiges, kleines Mädchen.
Am Tage, da es geboren wurde, brachte man
Herrn Ergutt nach einem Diner, das er mit
jovialen Geschäftsfreunden eingenommen hatte,
Per Droschke nach Hause, — schtver bezecht. Frau
Ergutt hörte das Dröhnen seiner Stiefelsohlen
auf den Holzfliesen des Flures; horte ihn stol-
pern und gegen die Schlafzimmerthür fallen. Und
vernahm die begütigenden Worte seiner Freunde.

Sie hörte es, aber es tönte nur >vie Straßen-
lärm an ihrem Ohr vorbei; einst würde sie das
Alles ja nicht mehr vernehmen! Wenn die kleine
Josepha nur erst ein wenig größer war! —
Himmlische Ruhe würde dann für sie einkehren.
Nur unterbrochen von der Stimme ihres Kindes.

Und sie erholte sich rasch an dieser Hoffnung,
und stand nach wenigen Wochen >vieder vom
Bette aus. Nur um einen Schatten weißer, fahler,
als sie schon vordem gewesen. Und mit einer
großen, seltsamen Mattigkeit im Kreuz, die sie
oft zwang, gebückt wie ein Müttercheii zu gehen.

Nun ja, war sie denn nicht auch ein Mütterchen?

Im Garten ihres Hauses war während ihrer
Schmerzenszeit ein wahrer Nachfrühling ent-
standen, die Traubenbüschel des Flieders und
Goldregens verschatteten fast die Wege. In dem
blanken, weißen Kinderwagen, dessen Spiralen
in der Sonne wie Golddraht blitzten, fuhr sie
ihr Kind mit langsamen, glücklichen Bewegungen
hin und her. „O warte Du nur, wenn Du großer
wirst! Dann nimmt Mutter Dich bei der Hand
und geht mit Dir hinaus aus dem Hause, das sie
haßt, heim zur Großmutter und den Schwestern
auf das stille Gut! In die Heimat geht Mutter
dann mit Dir, fort aus der entsetzlichen Fremde.

Aber Jvsephachen wurde so rasch nicht größer.
Die Rosigkeit aus ihren Wangen flog davon,
wie eine Morgenwolke verfliegt: sie sah recht
matt und gelb aus, fast wie Mama, und lernte
lange nicht sitzen und stehen, als habe sie Mat-
tigkeit im Rücken — wie Mama.

Dann als sie fünf Jahre alt war, überfiel
sie eine große Krankheit; die zehrte am Leben
der Mutter mit, aber endlich wich sie, und nun
begann die Kleine sich langsam zu erholen.

Aber nun zitterte die Mutter davor, sie aus
dem ihr vertrauten Erdboden herauszureißen und
in ein neues Leben zu verpflanzen; sie mußte
warten mit der Trennung — mußte; und wenn
diese Ehe noch grausamer, noch fürchterlicher
würde. Wie sollte sie Josepha pflegen und er-
ziehen nach all' den Ansprüchen, die deren zer-
brechliche Gesundheit erforderte? Mit den ge-
ringen Mitteln einer von ihrem Manne getrenn-
ten Frau?

So blieben sie, und sie saß weiter mit ihrem
Mann bei Tisch, und hörte ihn fortgehen und
spät in den Nächten heimkommen; sie nahm eine
innge Nichte in's Haus, um sich vor der er-
tödtenden Einsamkeit zu retten, dre sie oft um-
fing, wenn Josepha bei ihrem Lehrer war und
der Gatte Freunde bei sich hatte. Aber sie sah
sich genöthigt, das junge Mädchen nach einigen
Wochen wieder aus dem Hause zu schicken —
nachdem dasselbe mit klaren Andeutungen selbst
darum gebeten hatte. Und nun lebte sie nur
noch der stürmischen, fast verzehrenden Hoffnung
auf das Einst! Ja, emst, wenn Josepha erst
konfirmirt sein würde! Wenn sie die Weihe em-
pfangen haben würde, die sie endlich auf eine
felbststündigere Stufe der Menschheit stellte! Frei
von Schule und Zwang, würde der Tochter Le-
ben dann nur noch ihr gehören, der Mutter,
und sie würde über dasselbe schalten und wal-
ten dürfen, ohne in ihren Entschlüssen vor Schul-
vorständen und Dekanen und Obrigkeiten zu
beben! —

In einer Stunde, die vielleicht die schwerste
ihres Lebens war, begann sie Josepha einzu-
weihen; das junge, erst halb erwachsene Mädchen
mit den langen, blonden Konfirmandenzöpfen
und dem schmalen, ahnungsvollen Gesicht ver-
stand so rasch! sie hatte so viel gehört im Eltern-
hause — Wuthausbrüche des Vaters und die
gepreßten Seufzer der Mutter! Und doch war
es für Frau Ergutt, als schicke sie sich an, eine
Pflanze zu zertreten, einen Baum zu entwurzeln
— während sie zu ihrer Tochter sprach.

Sie hielten einander lange umschlungen, und
nun waren sie Eins! Josepha war eine Frau
geworden — leidverstehend, wie die Mutter.

An klaren, hellen Herbsttagen, die dem Kon-
firmandensamstag vvrangingen, schritten sie Arm
m Arm hinaus in's Freie. Aus der lauten,
dröhnenden Stadt mit ihrem Eisenwerklärm und
Fabrikgeräusch zog es sie hinaus, in die meilen-
weite Einsamkeit der offenen Felder. Sie gingen
Arm in Arm wie Schwestern, und sprachen vom
Emst. Mit leisen Stimnien, geheimnißvoll, wie
es ihre Art geworden war, mit einander zu ver-
kehren in dem friedlosen Hause. Der Herbstge-
ruch der Felder berauschte ihre Sinne, die aus-
gedehnte, friedliche, herrliche Weite erfüllte sie
mit Wonne, eine Trunkenheit kam über sie beide
bei dem Gedanken an die Zukunft, die noch vor
ihnen lag, die Erlösung!! Die bald vierzigjährige
Frau, sie hatte die Alugen ihrer Tochter, Augen der
Konsirmationszeit, des noch ungelebten Lebens.
„Einst, Josepha, paß aus, da beginnt ein neues
Dasein für uns Beide! Laß uns erst weit, weit
fort von der Qual und dem Kummer dieser Tage
sein!_ Und Josepha entgegnete, träumerisch: „Ja,
Mutti. — einst! Wenn ich mit Dir allein bin!!"

So ertrugen sie weiter die Brutalitären des
Hausherrn. War doch der Tag der Konfirmation
das letzte, abgesteckte Ziel! —

Aber wenige Wochen vor demselben erkrankte
Herr Ergutt schwer; eine Rippenfellentzündung,
warf ihn auf's Bett. Frau Ergutt pflegte ihn,
theilnahmslos, mit zusammengepreßten Lippen,
aber pfiichtgetreu, wie eine bezahlte Diakonissin.

Als er dem Leben in Wahrheit wieder zurück-
gegeben werden konnte und die dumpfe Lust des
Krankenzimmers zum ersten Mal, halb gebrochen,
wieder verließ, waren mehr als neun Monate
verflossen, Josepha sechzehn Jahre alt.

Nun fanden Mutter und Tochter nicht den
Muth, den verbitterten Hilflosen zu verlassen.

Aber wenn er sich erholt haben würde! Und
wieder flüsterten sie vom „Einst!"

Herr Ergutt erholte sich rascher, als jeder Ein-
geweihte es für möglich gehalten hätte.

Frau Ergutt hätte nuii gehen dürfen —

Aber Josepha verlobte sich.

Nur noch dies eine Jahr! Das geliebte Kind erst
unter das Dach ihres neuen Heimes bringen. Dann
— ja dann war sie, die Mutter, ja endlich frei!!

Doch aus dem Jahre wurden zwei.

Das erste Enkelkind wollte noch von Groß-
mutter aus der Tause gehoben werden!

Und Großmama, mit dem blonden, dünnen
Scheitel, der leicht zu grauen begann, Großmama
verschob sie abermals, die Trennung von dem
Elend ihres Daseins.

Schwach und zart faß sie in ihrem Polster-
stuhl, kauni viel über die Vierzig hinaus, und
doch so wahrhaft alt!

„Warte nur," sagte sie zu Josepha, die Müt-
terchen besuchen kam uiid in ihrem jungen Glück
rosig und hübsch geworden war, „wenn Ihr Groß-
mama erst nicht mehr so sehr braucht; o dann
macht sie Ernst. Lächle nicht so seltsam, Kind.
Frei erst Hab' ich werden müssen von allen Pflich-
ten, die mich hielten, von allen Ausgaben, ehe ich
gehen darf." —

Eines Tages saß sie über ihrer Stickarbeit,
als die Nadel ihr entfiel. Schöner, stiller Herbst-
abend! Durch das dünne Schleiergewebe der
Vorhänge stahl sich der letzte Abendschimmer;
blutroth, in stumme Glutb getaucht, lagen die
Fabriken auf dem großen Platz vor ihren Fenstern
da. Und die Weiber und Männer, die stumpf-
sinnig aus den weitgesperrtcn Thoren getrottet,
kamen, hatten vom Widerschein dieses Lichtes
einen rothen, warmen Schimmer aus den Wangen,
wie von Jugend und Schönheit.

Es war so still, und das Herz der müden
Frau ging ruhig und sorgenlos.

Vom Hofe horte sie die schimpfende Stimme
ihres Mannes, des Fabrikherrn, der seine Leute
ablohnte. Das war wie ferner Straßenlärm.
Was ging sie's an?

„Emst" dachte sie, und richtete sich auf, und
blickte in die Abendgluth. Sie glaubte noch an's
Einst. „Einst bin ich frei."

Ein leiser, tiefer Stich fuhr durch ihr Herz,
ihr Athen: setzte aus. Sie rang nach Lust, erhob
sich halb, und lallte, halb bewußtlos: „Einst!"

Und langsam tilgte der Todesengel das hoff-'
nungsvolle Wort aus ihrem armen, hoffnungs-
losen Frauenleben.
A. Rummel: Verführung
Elsbeth Meyer-Förster geb. Blaschke: Einst!
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