Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 19

JUGEND -

1899

Kesthäkchen

Fritz Hegenbart (München)

Schulter, „ich will es keineswegs als unmöglich
hinstellen, das; die Sammler von Briefmarken
und Trambahnbillets irgend einen Gedanken
daneben haben. Der Mensch soll nicht hochmüthig
sein: was wissen wir z, B, vom Seelenleben
des Meerschweinchens oder des Laubfrosches!
Aber bei einem Erben meines Blutes dulde ich
Briefmarkensammeln nicht. Darin erlaube ich
mir nun Despot zu sein. Willst Du schöne
Dinge sammeln — sehr gut! Willst Du lehr-
reiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u, dgl,
— auch gut! Aber Briefmarlensammeln ist aus-
gesprochene Antikultur, und darauf steht bei mir
Enterbung," (Der Junge verfärbt sich,) „Man
weis; ja, wie's geht: Erst kommt das Cricri und das
Monocle, dann das Sammeln von Briefmarken
und Pserdebahntickets und schließlich der Klerikal-
ismus, ohne daß man die Uebergünge merkt!"

Meine Frau hat sich inzwischen an die Er-
schließung der anderen Tasche gemacht und mir
diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine
zusammengedrückte Kapsel von einer Weinflasche
an den Tag gebracht,

„Und was willst Du damit?"

„Die will ich verkaufen,"

„Verkaufen?"

„Ja, Willy Steinmnnn sagt, wenn man 'n
Pfund davon hat, dann kann man sic verknusen,
und das Geld will ich mir dann anfsparen, und
dann seh ich zu, das; ich immer mehr dazu krieg,
bis ich fix reich bin,"

Aah — daher pfeift der Wind! Er hat offen-
bar von jenen „gemeinnützigen" Geschichten ge-
kostet, in denen immer erzählt wird, ivie irgend
jemand schon als gjähriger Knabe jede Steck-
nadel aufhob, jede Gänsedaune für ein künftiges
Kopfkissen reservirte und so schließlich ein _ un-
geheuer großer, reicher und berühmter Kaufherr
wurde. Ich habe nie die Ueberzeuguiig los
werden können, daß diese Geschichten von Speku-
lanten, Bankdirektoren, Testamentsvollstreckern,
Schwankdichtern und ähnlichen Leuten erfunden
worden sind, um die andern Leute von der Fahne
abzulenken. Mein Junge — wenn du der Sohn
deiner Eltern bist, so ivirst du diesen „fremden
Tropfen in deinem Blute" bald wieder hinaus-
werfen, davor ist mir nicht bange, Stecknadeln-
sammeln liegt nicht in der Familie.

„Ra, und wenn Du nun ,fix reich' bist —
was bann?"

„Dann kauf ich mir Kühe und Ochsen und
'n Geographiebuch,"

„So,^ Bei mir war eS immer ein Schloß,
Das wollt' ich mir bauen, wenn ich reich wäre.
Ich sehe noch heute die breite, schimmernde
Marmortreppe, auf deren oberster Stufe ich stehe
als ein Grand Seigneur, um im nächsten Augen-
blick mit vornehmer Gelassenheit hinabzusteigen,
Oder ich lag aus einem Ruhebett hingestreckt
und sah durch hohe Bogenfenster weiße Wolken
durch blaue Himmelsfluren ziehen — langsam
— so langsam. Oder ich hielt auf der Zugbrücke
hoch zu Pferd, die Faust auf den Schenkel ge-
stemmt, rmd sah in einem Blick Thäler und
Berge, Wälder und Ströme. Ich möchte fast
mit Lessing glauben, das; es eine Wiedergeburt
in dieser Welt gibt, daß wir mehr als einmal
auf dieser Erde ersckieinen. Vielleicht daher diese
leisen, fernen, geheimnißvollen Erinnerungen,
die wir uns nicht erklären können. Und ich
fürchte, ich fürchte: ich bin — vielleicht im t3,
Jahrhundert oder so — ein wenig beschäftigter
Junker gewesen. Ich habe seitdem noch immer
eine merkwürdige Neigung, mit dem Schauen
nach schwebenden Wolken und mit dem Reiten
durch rauschende Thäler meinen Unterhalt zu
verdienen.

Während diese Erinnerungen schnell wie
Schwalbenflug vor meinem inneren Blick vor-
überziehen, stößt meine Frau plötzlich einen
heftigen Schrei aus und springt vom Stuhl
empor. Sie muß auf etwas Entsetzliches ge-
stoßen sein; denn sie ist von Natur sehr muthig,
^ic würde ihr Kind aus dem Rachen des Löwen
reißen wie jene berühmte Mutter von Florenz,
Es muß etwas Furchtbareres sein als ein Löwe,
Und so ist es. Es ist ein „Gemeiner Mistkäfer",
Oeotrnpes stercorariüs, den meine Frau von
ihren Fingern fortgeschleudert hat und der jetzt
langsam aus den Dielen dahinkriecht,

„Loh, mein Küfer!" jammert Erasmus,

Das Krabbelthier ist aus einer, Streichholz-
schachtel entwischt und hat sich frei in der Hosen-
tasche ergangen. Während meine Frau noch
immer ein bißchen weiß um die Nase ist, hat
Erasmus das Thierchen ausgenommen und läßt
es mit geradezu wissenschaftlicher Kaltblütigkeit
und Vorurtheilslosigkeit über seine Finger
krabbeln,

„Wozu hast Du den denn^ gefangen?"

„Für 'ne Käfersammlung."

„Na — weißt Du — das halt ich eigentlich
sür unnöthig. Du kannst ihn Dir auch so
ordentlich ansehen. Und dann kannst Du ihn

jedes Jahr in ungezählten Mengen wiedersinden.
Wenn's was Seltenes wäre, wollt' ich nichts
sagen. Was selten ist, muß immer dran glauben.
Aber das verstehst Du noch nicht. Also: ich
denke, Du läßt ihn lausen, he? Andre Mist-
käser wollen auch leben,"

Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir
forschend in die Augen, dann lächelt er und be-
trachtet verstohlen seine Hände, Sie sind heute
zum ziveiten Mal gewaschen und zum dritten
Mal schmutzig. Er gebraucht sie ungeniert und
fleißig, wenn er in Haus und Garten, Wald
und Feld naturforschend sich ins All versenkt.

An den Gegenständen, die der zweiten Tasche
entstammen, zuletzt an der Streichholzschachtel,
sowie an der rechten Hand meiner Frau ist uns
mehr und mehr eine merkwürdig überein-
stimmende Röthe ausgefallen, Jetzt kommen wir
auch dem Ursprung dieser Farbe nah: ein be-
trächtliches Stück Röthel hat offenbar schon ein
paar Tage in diesem Raume zugeüracht und dessen
Wände mit einem gleichmäßigen Roth bedeckt.
Endlich findet sich noch ein schön abgeschlisfenes,
eirundes Rollstcinchen vom Meeresufer.

„Was ist denn das?"

„Das ist 'n Glücksstein."

„Ein Glücksstein?"

Das kann stimmen. Wer sich an solch einem
Steinchen freut, der ist glücklich,

„Wo hast Du denn die hübsche kleine Silber-
münze gelassen, die Du neulich hattest?"

„Och, die Hab ich Georg Petersen gegeben, der
will mir 18 Fahnen und 25 Lanzen dafür geben "
Seine Augen leuchten.

Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem
das Herz ein wenig groß und das Auge —
pardon — ein wenig warm wird. Denn man
denkt an die vielen Male, daß dieser junge Mann
in seinem Leben noch betrogen werden wird.
Was wird dem sein guter Glaube noch kosten!
Man fragt sich, ob man nicht unrecht thut, wenn
man einem Kinde sagt: „Sei immer wahr!" —
ob man es nicht wehrlos macht? Man säh es
so gern daS Gebot der Wahrhaftigkeit be-
folgen, und man sieht dabei alle die Leiden vor-
aus, die dann seiner warten. Also dem Acht-
jährigen schon sagen: „Paß auf, daß Du nicht
betrogen wirst!?" — Nein.

Nein, Es lieber der Zeit überlassen, die
schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei
Manchem braucht's freilich viel Zeit, Und dann

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Fritz Hegenbarth: Nesthäkchen
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