Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 1 (Nr. 1-26)

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1899

Nr. 23

Mrs (Mlirrlren

Tag und ^acht klang ihr Läuten von den vielen
Thürmen der alten Sta-t; sie summten und dröhnten,
sie gellten und mimmerten, sie machten die Häuser
und die Herzen beben mit ihrem betäubenden Getön.

In den Kirchen drängte sich das Volk. Der Weih-
rauch wirbelte hinaus)» den gothischen Gewölbrippen
und den barocken Engeln der Decken und schwärzte
ste. Alt und Jung lag auf den Knieen und sie
beteten mit jener Inbrunst, welche die Angst vor
einem ungeheuren Schmerz gebiert.

Und der eherne Ton der Glocken nahm das Ziehen
der schwachen wenschenstimmen auf seine Schwingen
und trug es, tausendfach verstärkt, mit betäubendem
Dröhnen nach oben.

Ls war ein Großes um diesen Schmerz und um diese
Inbrunst.

Im Schlosse rang die junge Fürstin des Landes
mit dem Tode. Lin furchtbares Fieber, dessen glühende
Wuth sich nicht brechen ließ, verzehrte ihren Leib.
Sie erkannte den Gatten nicht mehr und auch die
Andern nicht, die an ihrem Lager weinten. Wer am
Schlosse vorüberging, der wagte es kaum, zu dessen
Dach empor zu schauen, fürchtend, es könnte dort eine
schwarze Flagge vom Rlast wehen.

Roch war kein Jahr in's Land gegangen, seit die
Fürstenbraut an ihres Gatten Seite eingezogen war
in die Residenz, blühend, glücklich, heiter, von so
strahlender Schönheit, daß ihr die Herzen des Volkes
zuflogen um die Wette mit den Rosen, die man ihr
in den goldenen Wagen warf. Denn das Volk ist
wie ein Kind: was schön ist, das ist ihm gut und
dem ist es gut.

Bald aber wußten sie, daß diese Frau wirklich wie
ein Engel war und Gutes that, wo sie konnte, Gutes
that mit einer rührenden, schüchternen Herzlichkeit, die
fast um Vergebung bat für das Elend, welches sie zu
lindern suchte.

Am Bette einer verlassenen Kranken hatte sie sich
das Fieber geholt.

Darum lag das Volk auf den Knieen und betete
für sie ...

Darum heulten und sangen die Glocken Tag und
Rächt, Rächt und Tag . . .

Die Aerzte waren mit ihrem Wissen
zu Ende und ließen den Rluth sinken.

Alle — nur Einer nicht, ein ernster, harter,
stiller Rlann!

Er sagte: „Lines kann immer noch
Helsen — die Jugend!"

Und er wich nicht vom Bette der Kran-
ken. RUt eisernem Willen kämpfte er
gegen das Fieber, kämpfte er gegen die
Schulweisheit der Berufsgenossen, die mit
süßen Tränkchen und sanften Rütteln
eine rohe Gewalt besiegen wollten, gegen
die nur wiederum eine rohe Gewalt Helsen
konnte. Lr kämpfte mit den Thorheiten
höfischer Sitte und im Vorzimmer der
Fürstin schalten und weinten deren Frauen
über seine derbe Art.

Drei Tage und Rächte schon hatte er
ausgehalten in dem verdunkelten Gemach
und hatte Alles selbst gethan, was zu
thun war, weil er wußte, daß man ihm
nicht gehorsam war. Lr selber hüllte
den glühenden Körper der Kranken in
nasse Tücher, und wenn das Fieber wil-
der tobte, dann trug er das arme Weib,
das sich wie rasend gegen die Eiseskälte
des Wassers wehrte, in's Bad auf seinen
eigenen Armen. Ihre Rägel zerfleischten

sein Gesicht, sie schlug und biß nach ihm — sie, die
noch nie einem Falter ein Leid gethan! Und dann saß
er durch die langen Stunden der Rächt regungslos
neben ihrem Bette und folgte gespannt ihrem Athem
und ihrem Herzschlag.

Der Fürst vertraute dem, der allein die Hoffnung
nicht verlor. So behauptete dieser, gegen die Rlenschen
wenigstens, das Feld. --

Wieder war die Rächt gekommen — die Rächt der
Entscheidung, wie der Arzt sagte. Wieder hatte er den
fiebernden Leib der Kranken in die eisige Fluth ge-
zwungen. Seit einer Stunde lag sie, in frisches Linnen
gehüllt, im Bette, und er hielt ihr schmales Handgelenk
unausgesetzt forschend zwischen seinen knorrigen Grei-
senfingern.

Da flog es wie ein Leuchten über sein Gesicht und
ihr pulsschlag ging ruhiger. Und über eine Weile
schlossen sich die Lider über ihren Augen, die vorher
so irr und ängstlich an der Decke gesucht hatten. Die
Brust hob und senkte sich immer gleichmäßiger. —

Vorsichtig wischte der Alte die letzten Schweißperlen
von der reinen, weißen Stirne. Ls war ganz stille im
Gemach. Auch die zum Tode erschöpfte Kammerfrau
lag in einem Lehnstuhl und regte sich nicht.

Der Fürst kniete zur Stunde mit den Andern in
der Schloßkapelle und flehte zu seinem Gott. Sie
wußten, daß es die Rächt der Entscheidung war.

Ls war ganz stille im Gemach und etwas wie An-
dacht verklärte das harte Gesicht des Arztes, als er
den Athemzügen der Schlafenden lauschte.

Sie schlief tief und gut.

„Jetzt Ruhe und frische Luft!"

Er öffnete die hohen Fensterflügel. Line Kühle,
herrliche Mainacht lag über der Stadt und ließ einen
erquickenden Luststrom in's Zimmer dringen. Drau-
ßen war es so still und schön, daß der Alte wie ge-
bannt am Fenster stund.

Plötzlich Huben die Glocken, die nur auf kurze Zeit
verstummt waren, wieder an zu klingen ; die Glocken
des ersten Thurmes schienen die des zweiten zu wecken»
im Augenblick waren alle die vielen Thürme wach»
und in der Stille der Rächt klang das Geheul der
metallenen Riesen noch viel erschütternder und schauer-
licher, als am Tage. Sie vereinigten ihre Stimmen zu
einem ungeheuerlichen, markerschüttern-
dem RAßklang —

„Verfluchtes Gebimmel!" sagte der Alte
wüthend und schloß das Fenster, so schnell
er konnte. Dann wandte er sich ängst-
lich zur Kranken —

Sie war mit leisem Wehschrei jäh
emporgeschreckt. Sie saß aufrecht im Bette»
hielt das schmerzende Haupt mit den Hän-
den und redete irre — — —

F. v. Ostini

Gedanken von Peter Hille

Nichts ist kostspieliger als die Nothr
Geflicktes verlangt mehr Stoff als das Ganze.

tc

Was sich von der Welt in uns verliebt,
das wird wahre Kunst.

Sr

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
Wer nicht arbeitet, der soll speisen.
Wer aber gar nichts thut, der darf tafeln.
Sr

Wie oft muss man nicht lügen, um ein
einziges Mal die Wahrheit sagen zu können.

JUGEND

Hans Fritsch (Dresden)
Peter Hille: Gedanken
Hans Fritsch: Drei Seelen und ein Gedanke
Fritz Frh. v. Ostini: Die Glocken
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