Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 33

JUGEND

J

1899


Arpad Schmidhammer

winegels HDramfahrt

Wenn Mutter Swinegel Sonntags in der
Frühe ihre Kinder gewaschen hatte, küßte sie
ihnen liebreich die Schnuten und sagte so recht
aus dem Herzen heraus: „Was habt ihr doch
alle für hübsche Gesichterchen!" Und dann
machten sie sich auf den Kirchgang, und sie
plusterte sich und zwinkerte herausfordernd die
Leute an, als wolle sie sagen: „Sind es nicht
goldige Kinderchen?"

Als ihr Aeltester konfirmirt war und die
ersten Bartborsten unter der Nase fühlte, litt
es ihn nicht länger im Hause. Eine Pechnelle
steckte er vor's Herz, eine Krähenfeder hinters
Ohr, griff nach einem tüchtigen Wanderstecken
und: „Ich will auf die Freite gehen!" sagte er.

Mutter Swinegel schlug die Hände zusam-
men, jammerte erst ein Weilchen, dau^ aber
ward sie eitel Bewunderung. „Behüt Dich
Gott!" sprach sie und strich ihm die Stacheln
glatt, „aber wirf Dich nur ja nicht weg!"

So zog er ab, pfiff ein dreist Liedchen und
fuchtelte verwegen mit dem Stocke.

Mutter Swinegel blickte ihm nach, wischte
sich mit der Schürze die Augen und ging zur
Nachbarin, sich das Herz wieder fröhlich zu
plaudern.

Tie hatte ein Töchterchen, rüstig, und von
gutem Gemüthe, dazu eine schöne Aussteuer
von zwölf Rettigen und sechs Runkelrüben.
Das hatte den Swinegel von Kind an still im
Herzen getragen.

Wie es nun hörte, daß er hinaus sei in
die Welt, ging es vor's Haus, setzte sich unter
eine Mohnblume und fing an zu weinen. Die
Abendsonne goß.ihren Schein über sie und
ein rothes Mohnblatt war ihr lieblich auf's
Haupt gefallen.

Da kam der Hase daher, stattlich mit Hand-
schuhen und Pelz, drehte den Schnurrbart und
wollte mit der Pfote gradewegs unteres Kinn
fahren.

Aber Swinegelchen dachte bei sich: „Ich
weiß einen, tausendmal schöner wie Du!" und
stach ihn, daß er quiekend davonlief.

Kam der Hamster vorüber, feist und mit
vollen Taschen, blähte sich auf und schmatzte:
„Was kostet das Küßchen?"

Aber Swinegelchen sträubte die Stacheln.

Mittlerweile war es dunkel geworden, da
kam noch einer des Weges, langsam, mit staub-
igen Schub'n und verzaustem Wämslein, und
wie sie zusah, da war es der Swinegel.

Da ward sie roth über und über und wäre
ihm am liebsten um den Hals gefallen, wenn
sickfs geschickt hätte.

„Ach Swinegelchen!" sagte er leise, „es ist
eine schlechte Welt!"

Sie wußte vor Mitleid nichts, rein gar
nichts zu sagen, so blieb sie stumm und hustete
nur ein wenig.

„Häßlich hat mich die eine gescholten, garstig
die andre und die dritte, man kann es eigent-
lich nicht wiederholen, die dritte sagte ganz
laut vor den Leuten, ich sei, im Grunde ge-
nommen sei ich doch blos — — denke Dir
nur-doch blos-ein Schwein-

igel!"

Ta konnte sie nicht länger mehr an sich
halten, fiel ihm schluchzend an's Herz und küßte
ihn einmal übers andre: „Ach Du — Du!
Du bist doch der Schönste auf der Welt!"

Und so brachte Swinegel doch noch ein

Bräutchen heim. ... . ^

Remhold Volker

Wahre Geschichte

Als ich neulich in Leipzig war, fragte ich
auf dem ^-platze einen Schutzmann nach der
Gohliser Pferdebahn: „Sahn Se, da drieben
gommt se grade, warten Se nur, se fährt hier
vorieber!"

„Rammt sie denn aber wirklich hier vor-
bei?" „Nu heernse, ich werde doch de Gohliser
griene Ferdebahn genn'! Nadierlich gommt
se hier vorieber!"

Die Pferdebahn kam gerade auf uns zu,
bog aber plötzlich auf Nimmerwiedersehn in
eine Seitengasse. Ich machte den Schutzmann
wüthend darauf aufmerksam. .Und der sah
mit seinem hellsten Gesichte hinter dem wagen
her und sagte erstaunt:

„Li, so'n Luder!"

B. v. M.

Aus einer Dertheidigungsrede

„Als Mjlderungsgrund für die Angeklagte
möchte ich noch ihre heutzutage gewiß beson-
ders hochzuschätzende Tugend anführen, daß
sie nicht radelt!"

Ein Blick in die Zukunft

Die Tante (zum Neffen, der sich der
Malerei gewidmet hat): „Rarl, Rarl, Du wirst
auch noch 'mal in Run st und Schmutz
untergehen!"

Wörtlich befolgt

Frau (Gattin eines Rechtsanwalts): „was
soll ich denn dem faulen, verliebten Frauen-
zimmer in's Dienstbuch schreiben?"

Mann: „Nach den gesetzlichen Vorschriften
muß das Zeugniß eine Bestätigung über Treue
und Fleiß enthalten."

Frau: „Gut. So werde ich schreiben:
„war treu — ihrem Liebhaber und
fleißig — im Ausgan g."

Gchulhunwr

Lehrer (diktirt): „hoch soll der Raiser
leben."

Rl. Moritz: „Verr Lehrer ist Raiserleben
ein Wort?"

. A. v. Kubinyi (München)

.Fn's Hostheater möcht'st, Alte? Woaßt was, da gehn ma lieber in's Hofbräuhaus, dös is a was Königlich's . .

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[nicht signierter Beitrag]: Ein Blick in die Zukunft
[nicht signierter Beitrag]: Wörtlich befolgt
[nicht signierter Beitrag]: Schulhumor
B. v. M.: Wahre Geschichte
Alexander (Sandor) v. Kubinyi: Hoftheater und Hofbräuhaus
Reinhard Volker: Swinegels Brautfahrt
Arpad Schmidhammer: Die Notbremse
[nicht signierter Beitrag]: Aus einer Verteidigungsrede
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