Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 47

JUGEND

1899


Aftcdusa Franz Stuck (München)

In München

von perer Alten borg

'^ch bin seit einiger: Tagen zum erstenmale in München. Ich habe
d, noch nichts gesehen, nichts, was in den Büchelchen angemerkt ist,
keine Monumente, keine Bilder. Mich interessiren nicht die Dinge, die
waren. Mich interessiren die Dinge, die sind, die konnnen werden!
Siehe! Aus den Vitrinen der edlen Geschäfte aber strahlte mir die
„neue Kunst" entgegen, das, was Jeden, in: Leben Eintrocknenden,
zum etwas schwärmerischen Künstler-Menschen machen soll, wenn er es
in seiner Heimaths-Klauje Stunden und Stunden betrachten dürfte.
Europäer, wo weilet Ihr noch?!? Ohne innere Freude stellet Ihr
noch Meißener Figürchen und Vasen auf geschnitzte Schränke! Ihr
düpirt Euch selbst!

Ohne Zusammenhänge mit den wunderbaren Farben und Formen
der Natur selber lebet Ihr, saget „ah!" zu Dingen, die Euch frenid
und unsympathisch sind, nähret Euch von Phrasen, von Historie, kaufet
Vasen mit Blüthen, die nie waren! Augen habt Ihr, die nicht ge-
nießen können an und für sich selber, sondern von Namen und Schab-
lonen dirigirt werden! Darum, weil Ihr diese edelsten Organe nicht
ausnützet, die Schätze dieser beiden reichen Augen, dieser unerschöpflichen,
nicht anshebet, darum bleibet Ihr armselig, leer, traurig, suchet anderen
Organen Genüsse zu entlocken, die sind und bereits nicht mehr sind!
Dann kommen lange öde Stunden, die ermordet werden müssen mit
diesen Giften „Trinken," „Spielen" —!

Sehet, der neue, der moderne Künstler will Euch aber mit der
Natur vereinigen und ihren tiefen Prächten. Er will Eure Augen
liebevoll machen für den Glanz des Lebens selbst, nicht für die Trug-
gestalten der Phantasie, die nicht mehr wirken! Quellen sollet Ihr
rauschen hören, nicht Cas ca den! Eure Augen sollen sich in Liebe
vermählen mit den Dingen, sollen Hochzeit feiern, edle Vereinigung!

Aber Ihr weilet ferne, nehmet Plunder! Sehet, wie nahe noch ist
der Knabe der Natur, wenn er den wunderbaren Apollofalter an-
schleicht auf der Berg-Distel?! Oder das Mäderl, welches ein Sträuß-
chen bindet von Wiesenblumen?! Später, aber kommt das Leben,
macht blind, leer! spielen sie dann auf den Wiesen,

in der Natur! Lawn-tennis!

Lernet vom Japaner! Wenn die Kirschenbäume in Blüthe stehen,
zieht das Volk hinaus, steht stumm und stundenlange vor der weiß-
rosigen Pracht. Keine Bänke und Tische sind errichtet, an welcher:
man frißt und säuft. Stumm steht das künstlerische Volk vor der
weiß-rosigen Pracht, stundenlange! In den Zimmern aber hängen an
reinlichen, edlen, zarten, hellgelben Matten Bambuskörbchen mit feinen
Blumen. Da gehen Männer und Frauen hin, betrachten die Körbchen

mit Blumen, gehen wieder still an's Tagewerk. Was für Krin:skrams
habet Ihr aber auf den Schreibtischen, an Euren Wänden?! Ihr
habt es und fertig! Was gibt es da zu betrachten?! Man besitzt
es, man liebt es nicht!

Stellet doch da lieber unter Glas die wirklichen Kunstwerke der
Natur, wunderbare exotische Käfer oder edle Muscheln in matten Farben!
Diese Farben der Käfer, Muscheln, Schmetterlinge, Steine, die wirk-
lichen Forn:en der Blüthen und Blätter fangen nun die „neue:: Künstler"
für Euch ein im Kunstgewerbe, stellen es in die Vitrinen, schenken
Euch die wunderbare Natur, die anzuschauen Niemand müde wird, der
einmal, einmal wirklich geschaut hat mit jenen Augen, welche Ver-
bindungsbahnen haben mit der Seele und dem Geiste, ja der erschauende
Geist, die betrachtende Seele selbst geworden sind!

Was kaufet Ihr zusammen?! Schämet Euch! Besitz!? Gott,
Besitz muß sein wie der Besitz seiner Haut, seiner Hände! Es gehört
zu :nir, ist unentbehrlich, erkält gleichsan: den Gesammt-Organismus,
ist ein feiner Theil meiner selbst, der äußerste, über die Epidermis hin-
aus! Was auf nreinen: Tischchen steht, an meinen Wänden hängt,
gehört mir zu, wie meine Haut und meine Haare. Es lebt mit mir, in
nur, von mir. Ohne dasselbe wäre ich fast ein Rudimentärer, Ver-
kümmerter, Aermerer. Zum Beispiel meine Freundin, die „blonde
Da:ne" und das Bild von Burne-Jones : „Ein Mädchen sitzt im Garten
am Gestade, hat die Hände auf einem alter: Buche auf ihrem Schooße,
ist zurückgelehnt. Zwei Engel musiziren ihr vor und, die Hände auf
dem alten Buche, zurückgelehnt, träumt das Mädchen im Garten an:
Gestade, schwebt hinweg von Buch und Garten, wohin, wohin denn?!"
Dieses Bild und die „blonde Dame," über deren Bett es hing, waren
eines! Wer das Bild verstand, verstand sie, wer sie verstand, ver-
stand das Bild. Kein Anderes könnte über ihrem Bette hängen. Es
gehörte zu ihr, zu ihr, wie ihre Hände und Haare.

Mit solchen Euch zugehörigen, mit Euch einheitlichen Dingen müsset
Ihr Euch inngeben, neue Menschen! Der neue Künstler gestaltet die-
selben ans seinen: Genie heraus, die Dinge, die für Eure Seelen sind!
Die wirklich zugehörigen! Tünchet Eure Wände einfach weiß und stellet
in eine Ecke oder a:: die Wand eine jener wunderbaren Schalen, die
den Glanz von fliegenden Kolibri's, untergehenden Sonnen und Meeres-
schäinnen haben.

Eine Vase sab ich hier, hellbraun mit Aufleuchten in Gold und
Erdüstern in dunklei: Streifen. Dann eine gelbliche, in Milchfarbe
erblassend. Dann eine, ganz durchscheinend, geformt als riesige Bienen-
Wabe mit Zellen, wachsgelb. Dann solche, wie die grünen Flügel
von Eintagsfliegen. Eine dunkelblaue, welche in Früh-Himmelfarben
überging, von Nacht zum Morgen, und wieder düster wurde, nächtlich.
Dann kugelige hellbraune Knollen aus Glas auf Glas-Bambusstengelns
herrliche Gebilde. Galle-Gläser; hellbraune Blumen kommen nebel-
haft aus dem Glase selbst hervor und fast nicht hervor, verschwinden.

Solche Vasen stünden nicht verlassen da in Euren Heimaths'
Klausen! Solche Vasen liebte man mit allen Zärtlichkeiten! Wenn
man in's Zimmer tritt, begrüßt man sie. fllnd wenn man geht,
grüßt n:an sie wieder.

Tünche Deine Wände weiß, in Einfachheiten, stelle Dinge hin,
die Du lieb haben kannst, brüderlich, schwesterlich lieb, nicht kalte,
fren:de! So wirst Du reich sein und niemals vereinsamt!..

Ich bin seit einigen Tagen in München, zum erstenmale, habe
noch nichts gesehen, nichts, was in den Büchelchen angemerkt steht,
keine Monumente, keine Bilder. Ich interessire mich nicht für die Dinge,
die waren; ich interessire mich für die Dinge, die sind, die konnnen
werden! Aus den Vitrinen aber der edlen Geschäfte strahlte mir die
„neue Kunst" entgegen, als ich einsam durch die schönen Straßen ging!

J)ie Ver/ührung

(2ur Zeichnung von Otto €ckmanq)

Ö pu abgefeimter Juistling,
Unverschämter jMeeres-Wüstling,
Wie J)u peine Glieder reckst,
üüstern peine )\euglein streckst —
Gierig lugend

jNach der /rischen /linken Jugend!

Immer wieder leise, leise
Riehst pu tastend peine greise,
pis im Zustand der %pnose
Sich das arme, fassungslose
Opfer neigt in sanftem Schweben,
peiner Gier sich hinzugeben.

Villo

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