Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 443
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1900_1/0448
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
endlich allein!

Rtil diesem Ausruf beginnt der Leitartikel
der „Närodni Listy“ vom 8. Zuni über den
Zerfall der parlamentarischen INasorität.

Die Polen wenden und die schwarzen Brüder
Den Rücken uns — aaworski und Rathrein -
Das Hochgefühl der Wonne wirft uns nieder —
Gott Lob, der Wenzel hat den Wenzel wieder.-
Wir sind allein!

Mein sind wir mit unsres Dolkes Söhnen
Bei Lag sowohl als auch im mondenschein.
Ms tiefster Brust entfährt uns leises Stöhnen,
Das schwillt empor zu lauten 3ubeltönen:

Wir sind allein!

Hn Csu-s^i

In einem Erlasse der Kaiserin Tsu-szi wird
den Beamten eingescharft, „gegen die nichts-
nutzigen Gesellen, die sich zusammenralten und
Unfug stiften", mit aller Strenge vorzugehen,
dagegen „die unterwürfigen und getreuen Unter-
thanen, die zum Schutze ihrerZamilien
Leibesübungen p fegen", zu schonen.

Liebe Tsu-szi, laß ihn sein,

Diesen netten Turnverein,

Der ganz heimlich Dir die Tour
Macht, sblarratur, äieitur.)

wenn Du sagst: „Frisch, fromm, froh, frei,
Da ist weiter nichts dabei" —

Lacht doch Jeder insgeheim,

Keiner geht Dir auf den Leim!

Merm . . .

Abg. Liebermann von Sonnenberg
tritt im Reichstag für die Zlottenvorlage ein,
dabei u. a. bemerkend, Richter würde über die
TorpedostottiUe und den Enthusiasmus am Rhein
anders denken, wenn er seinerzeit als Bürger-
meister von Reuwied bestätigt worden wäre.

War' Richter Bürgermeister worden
Bor langer Zeit, es schmückten heut'
Ihn hohe Titel, viele (Orden,

Die Flottenmehrung macht' ihm Freud'

Und war' von Liebermann geboren
Ganz ohne „von", als ein Semit,

Lr hätt' das Bankfach dann erkoren,
Sympathisch war ihm jeder — Zud'

_ V. Ii.

Wir schnitten es so gern in alle Rinden —
gern schrieben wirs auf jeden Kieselstein:

0 Leute lasst euch unser Glück verkünden,
es kam heran mit holden Trühlingswinden —
Wir sind allein!

liOki

m

Die Götter und die Götzen

Frau Auguste Götze, die bekanntlich für
das Wiesbadener Hoftheater den Schillerffchen
„Demetrius" fertig brachte, hat nunmehr Auf-
trag erhalten, auch die Grillparzerschen Frag-
mente, namentlich die Esther, ganz-auszudichten.
Uebrigens soll sich die hochbegabte Frau auch
vorzüglich auf das Klöppeln verstehen. Aus
diesen: Grunde ist sie auch angewiesen
worden, zu Schillers „Glocke" den vom
Dichter flüchtiger Weise vergessenen Klöppel
hinzuzudichten und damit auch diesem Schiller-
schen versuch den Stempel der Vollendung aus-
zudrücken.

£

verlängerte Ferien

stehen, wie es scheint, wieder für den
einen oder anderen Minister des Deut-
schen Reiches in Aussicht. Der Kaiser
konferirte nämlich mit dem Grafen
v. Bülow und dem Geh Heim-Rath
v. Lueanus.

Unter einer Decke spiel'

Mit den Borern nicht zu viel.

Alles kommt an's Tageslicht —

Tsu-szi, schau mir in's Gesicht!

Tsu-szi, überleg' Dir's gut,

Bring' uns Mächte nicht in wuth,

Denn wir Mächte, wir verstehen
Keinen Spaß — das wirst Du seh'n!

Willo

Lucus a non lucendo

Wie von Augen- und Ghrenzeugen und
von der Köln, volksztg. unzweifelhaft festgestellt
ist, sind die deutschen Pilger bei Gelegenheit der
Heiligsprechungen der Gegenstand frecher In-
sulten von weiten französischer Pilger geworden.

Da es sich bloß um die Beschimpfung von
Deutschen handelte, so wurde von der „Ger-
mania" zunächst einmal aus freier Faust
gel — eugnet.

Daher der Name „Germania",

Schüttelreims

Es darf der Arnold wieder malen:
Weiblein, die ohne Mieder wallen.

Ausbau des Versicherungswesens

Nach dem letzten Conzert Paderewskis
in Amerika wurde das Podium von Hunderten
von Damen gestürmt, und das geängstigte
Conzertthier mußte erst sein ganzes Repertoir
von sich geben, ehe es losgelassen wurde. Die
Ausbrüche der Volkswuth im Falle Hobson
und Dewey sind noch in lebhafter Erinner-
ung. Schlimmeres steht für den Tag der Rück-
kehr Baden-Powells bevor; es sind von
der englischen Polizei bereits umfassende Vor-
kehrungen zum Schutze des Helden von Mafe-
king getroffen worden.

Angesichts dieser Erscheinungen drängt sich
von selbst der Gedanke auf, sobald wie mög-
lich eine „Gesellschaft zur Versicherung
gegen Volks gurrst" ins Leben zu rufen.

Zur Bebauung einer Jsarinsel wurden in
München zwei Projekte eingereicht; ein Bahn-
hof und eine Kunstg ew erbe aus-
st ellun g wurden vorgeschlagen und die
Einsender wurden aufgefordert ihre Pro-
jekte — zu verschmelzen. Der Vor-
schlag ist so merkwürdig, daß wir er-
warten dürfen, es werden noch zwei
andere, in München eben erwogene Pro-
jekte vereinigt: Das eines zoolog-
ischen Gartens und das der Er-
bauung eines neuen Landtagsge-
bäudes, für welches bis dato noch
der Platz fehlt. Man kann bei der jetz-
igen Kammermehrheit nicht wissen . . .

Wiener Schnitzel

Uns hat noch keine Negierung ent-
täuscht; wir haben von jeder das
Schlechteste erwartet.

Fast alle unsere Staatsverderber wur-
den zu — lebenslänglichem Herrenhaus
verurtheilt.

Wir sind mit unserem Latein zu
Ende, seit wir mit dem Ezechischen an-
gefangen haben.

Das jetzige Ministerium hat Wien
vor den Nadaueleriealen eaxituliren
lassen. Dafür unterstützen es diese,
wenn es wieder einmal gegen das
deutsche Volk gehen wird. Wien war
das Kö r b erl geld, das sie sich nehmen
dursten. Ludwig Bauer

Kauf Bilder, frommer Dunkelmann,
Freu’ Dich daran und munkel’ dann.

Der Michel wird die Zirkelböhmen
Am besten mit dem Birk’l zähmen!

Die jüngste Berliner Synode hat
dem Goethebund die perfidesten Ver-
dächtigungen irsts Gesicht geschleudert,
weil dieser den Kampf gegen das
Pfaffenthum proklamirt hat. Nun
— wer sich mit dem Ausdruck „Pfaffe"
getroffen fühlt, der ist auch einer und
mag sich entrüsten darüber, daß man
ihm zu Leibe will.

Bei einem Empfange von deutschen
Zentrumsmännern sagte der Papst zum
Dr. Porsch u. a.:

„Treten Sie bis an Ihr Lebens-
ende unentlvegt für die Rechte der
katholischen Kirche ein. Versprechen
Sie mir das. Bringen Sie allen
Mitgliedern d er Zentrumsfrak-
tion meinen Segen."

Dasbach ist von dem Segen des
hl. Vaters aufs angenehmste überrascht.
[nicht signierter Beitrag]: Bei einem Empfange...
[nicht signierter Beitrag]: Die jüngste Berliner Synode...
[nicht signierter Beitrag]: Zur Bebauung einer Isarinsel...
C. Scholl: Zeichnungen zum Text "Schüttelreime"
Willo: An Tsu-Szi
Loki: Endlich allein
v. L.: Wenn...
[nicht signierter Beitrag]: Die Götter und die Götzen
[nicht signierter Beitrag]: Verlängerte Ferien
Ludwig Bauer: Wiener Schnitzel
[nicht signierter Beitrag]: Lucus a non lucendo
[nicht signierter Beitrag]: Ausbau des Versicherungswesens
[nicht signierter Beitrag]: Schüttelreime
loading ...