Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5

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Nr. 27

JUGEND

1900

„Die große Kunst"

Jhi$ meinen amerikanischen Erinnerungen
von Magda Jrschick

M^s war im fernen Westen, schon über der
eigentlichen Theaterzone hinaus, dicht an der
Indianergrenze. Aber was wollte ich machen?
Lin deutscher Verein rief mich und ich fühlte
mich damals als Aunstmifsionärin.

Line junge prairiestadt, Bretterbuden im
Oktoberfeststyl, aber ein Isoiel wie ein Palast.

Wan wollte mich als Thusnelda (Fechter
von Ravenna) sehen, es sollte ein Fest des
Deutschthums werden.

(„Und rausch' ein Teutoburger Wald um
meine Echläse.")

Die Truppe brachte ich aus Omaha mit, der
letzten Ltappe deutscher Schauspielkunst. Eie war
auch darnach, bis auf Linen, ■— ein Talent un-
bedingt — de» Laligula von heute Abend, an
den ich mich förmlich anklammerte in dieser
künstlerischen Gede.

Auf der Fahrt erzählte er mir sein ver-
worrenes Echickfal, das Echicksal Tausender und
doch ergreifend in seiner Wiedergabe.

„Die große Ärmst hat nrich so weit gebracht,"
wiederholte er immer wieder, „ich konnte mit
dem Aleinkram nicht fertig werden, der von
Unsereinem verlangt wird."

„Was nennen Eie denn eigentlich ,die große
Ärmst?-"

„Wie große Ärmst?- Das ist schwer zu sagen."
Eein sprechendes Auge blickte in weite Fernen
zum Wagenfenster hinaus. „Das nenne ich —"

„Linen ,Manfred", einen ,Hamlet/ spielen,
nreinen Eie wohl? Ja, fühlen Eie denn auch
wirklich das Vermögen dazu?"

Ich bereute sofort meine Frage, ein so
schmerzlicher Ausdruck erschien in seinem Vlick.

„Und ob ich es fühle. — Das war's ja eben,

-— aber haben — habenI Ich habe es ja nicht."

Lin Tollege kam zu uns, ich war ihm
dankbar für feine Dazwischenkunft.

Um 3 Uhr Ankunft, dann sofortige rasche
Probe. Das Theater war eine deutsche Turn-
halle, nicht das nothdürftigste Material. Doch ich
war gewohnt, mich zu fügen. Nur Laligula
machte Anstände, die Etufen fehlten zu seinem
Eterbeakt. Für Amerika wurde nämlich stets die
letzte Ecene dahin geändert, daß Laligula von
Lassius und Lornelius erdolcht wird.

„Ich will meine Etufen haben," brüllte er
immer wieder in Lrregung.

Man baute nothdürflig so etwas Aehn-
liches auf.

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MELPOMEN E
Magda Frf. v. Perfall geb. Irschik: Die große Kunst
Joseph Daschner: Melpomene
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