Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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. JUGEND *

Nr. 27

„Höher! Höher!" rief er immer wieder.
„Ich will heute Abend einen Fall thun, den
Sie noch nicht gesehen haben."

Endlich kanr er zum probiren und fiel wirk-
lich kunstvoll über die Treppe herab, mir gerade
vor die Füße. Er blieb lange liegen und blickte
zu nur auf. „Das ist auch ,große Dunst': schön
sterben."

Die Vorstellung sollte schon längst beginnen,
Ealigula fehlte noch. Die Farmerstiefel polterten
schon gegen die Dielen. — Dein Ealigula I —
Alan schickte in das Hotel. Vor einer Stunde
schon ausgegangen. So blieb nur ein Ausweg:
den 2. Akt, der dem Ealigula gehört, wegzu-
lassen, die wenigen Sätze des 5. von einem
Dollegen sprechen zu lassen.

Alles ging vortrefflich. Halm's schwung-
volle Sprache begeisterte die naiven Gemüther,
aber Ealigula kam nicht, auch im letzten Akte
nicht. — Wollte er sich an mir rächen, weil
ich an seinem Vermögen zur „großen Dunst"
gezweifelt? —

Als der falsche Ealigula unter den Dolchen der
Verschwörer möglichst ungeschickt fiel, mußte ich
an die Worte des Andern denken auf der jdrobe.

In der Eouliffe entstand eine heftige Unruhe,
man umdrängte Jemand — der Ealigula! —-
Ich eilte hinaus, unbekümmert um das wüthende
Dlatschen draußen.

Es war der sortier aus den: Hotel. „Ucister
L. . . hat sich erschossen, — Nr. 26. — Wir
haben geglaubt, er sei ausgegangen, — eben
die Thüre gesprengt, — am Boden in weißem
Gewand —

Das Herz stand mir still. Und draußen lobten
die Hände. Ich mußte vortreten, immer wieder
und der falsche Ealigula ging mir nicht von
der Seite.

Im Hotel drängte sich Alles auf der Treppe.
Ich eilte auf Nr. 26 zu meinem Ealigula. Er
lag noch am Boden in der weißen Eäsarentoga,
den Aranz im Haar.

Es war ein wahnsinniger Domödiantenstreich,
der mich im ersten Anblick so anwiderte, daß ich
keine Rührung empfand — dann aber kam's
doch anders, ich dachte seiner Worte. Etwas
Wahres war doch daran, die „große Dunst",
wie er sie nannte, deren heiligen Schauer er ge-
fühlt, ohne sie künstlerisch fassen zu können, hat
es ihnr angethan, die „große Dunst", nach der
wir Alle uns sehnen.

Setzt konnte ich herzlich über ihn weinen.
Den andern Tag begruben wir ihn im Eäsarcn-
mantel, den Dranz auf dem Haupt, auf dem
einsamen Friedhof am Rande der Prairie.

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Joseph Daschner: Thalia
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