Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 27

1900

Mnnrorr tmm

33 i c

Äarum die Schaar der Damen vom Theater
Den Männerherzen so gefährlich sei?

Die Antwort gibt Luch auch der klügste Rather
Nicht ohne weiters so auf eins, zwei, drei!

Lin Denker nur, ein wirklich delikater,

Wie ich zum Beispiel, kommt der Sache bei,

Lin kluger Mann, den Kopf und lherz und Sinne
Zum Kenner stempeln im Gebiet der Minne!

Mas ist der wahre Grund des Phänomenes?

Ls sind der Gründe, glaub' ich, ziemlich viel:
Dies ist beim Linen und beim Andern Jenes,

Bei Andern wieder Anderes im Spiel!

Mas Hetero- und gar nichts homogenes
Ist ja die Männerwelt und ihr Gefühl.

Nur ganz im Allgemeinen kann ich sagen,

Mas da die Motten pflegt iu's Licht zu jagen:

Ist's wohl die Schönheit? — Andre Mutterkinder
Sind oft beträchtlich hübscher anzuschau'n!

Der Geist? — Die Dümmsten reizen Luch nicht

minder,

Sogar oft mehr noch, als gescheute Frau'n!

Ist's gar die Tugend? — Na! Das sieht ein

Blinder,

In diesem Punkt ist Andern mehr zu trau'n!
Und kein Bankier hat jemals einer Braven
Sich augeboten als Mäcen und Sklaven I

Ad I: Die Schönheit von den andern Damen
Mird nie dem Mann so günstig präsentirt,

Durch raffinirte Künste und Reklamen
Verklärt, verstärkt, enthüllt und retouchirt!

Sowie ein Bild uns durch den goldnen Rahme::
Famos oft vorkommt, ist es auch geschmiert,

Erscheint durch Schminke, Matte und Perrücken
Den Männern schließlich Jede zum Entzücken!

Ad II: Der Geist! Na, na, Ihr alten Knaben,
Die Hand auf's Herz: Der Geist ist Luch egal!
Und wenn die Holden wirklich welchen haben,
So richtet Ihr auf ihn nicht Eure Mahl;

Ihr seht schon mehr auf körperliche Gaben,
Leicht parfümirt von: Hauch der üeurs du mal!
Die Pikautrie, die Ihr bei Jenen wittert,

Die ist der Geist, nach dein Ihr lechzt und zittert!

Ad III: Die Tugend! (Offen eingestanden:

Sie int'ressirt Euch doch nur insofern,

Als Ihr erhofft, sie wäre nicht vorhanden, —
Auf keinen Reiz verzichtet ihr so gern!

Je weiter von der Sitte strengen Banden
Ein schönes Dämchen abseits steht und fern,
Je theurer kann sie schließlich auch erwarten,
Daß Ihr die Aepfel kauft aus ihrem Garten!

Doch des Getriebes allerstärkste Feder
Ist hier, wie überall, die Eitelkeit;

Sie jagt Euch, wie der Uhr gezähnte Räder,
Im Kreis herum, bis ihr von Sinnen seid.
Den Reiz, den Alle sehen, will ein Jeder
Für sich bekommen zu der Andern Neid!

So gönnt auch — bildlich, aber grob gesprochen—
Der Phylax meist dein Nero keinen Knochen!

Bringt die Naive Metern auf den Bettel,

So ruinirt sich Nathan für's Ballet,

Und Schulze sucht siä) auf den: Dxernzettel
Mas Feines aus, das fesch ist und kokett;

L. v. Zumbusch (München)

Boi Müller aber haben die von: Brettel
Und die von: Eirkus einen Stein im Brett.
Ein Jeder weiß, wie's ihm zuletzt ergeh':: wird,
Doch ist's ihm schnuppe, wenn er nur geseh'n

wird!

Da Hab' ich doch wohl strengere Maximen;
Auch Biedermeier fühlt noch heiß und jung
Und liebt, wie Ihr, die Mägdlein, welche mimen
Und tanzen, doch aus Kunstbegeisterung.

Er kennt die Grenzen aber, die ihm ziemen,
Und die Gefahr frivoler Huldigung
Und schenkt auch im begeistertsten verehren
Brillanten niemals — höchstens Bonbonnieren!

Mich führen oben aufgezählte Grüirde
Nie auf des Lasters schief geneigte Bahn,

Ich schau' die süße Frucht pickanter Sünde
von Weitem höchstens und platonisch an!
Und fühl' ich, daß ich nimmer widerstünde,

So reiß' ich aus und geb' den Mantel d'ran,
Meil ich mir keinen Seitensprung gestatte,

Als wiederholter Vater und als Gatte!

Doch weil' ich gern im Kreise jener Kirken,
Wie Herr (Odysseus einst, von dem Ihr wißt,
lveil grad in so gefährlichen Bezirken
Ein Biedermann oft sehr von Nöthen ist.

Auf jene Schönen sittlich einzuwirkcu,

Halt' ich für Pflicht, als Bürger, Mann und

Christ —

Und gibt's dabei ein Mängelchen zu kneifen,
So nehm' ich's mit — das werden Sie begreifen!

Biedermeier mit «i
Biedermeier mit ei: Die Damen vom Theater
Ludwig Ritter v. Zumbusch: Zeichnung zum Text "Die Damen vom Theater"
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