Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 27

JUGEND

1900

John Bull zwischen Suppe und Mehlspeise

(Caran cFAche im Pariser ,,Figaro“)

Lhronik

AKcgen eine Regierung, die den Deutschen in
VZ) dem von ihnen geschaffenen Staate ein
bescheidenes Recht aufs Leben gestatten will,
haben die tschechischen Abgeordneten fünf Ltun-
den im Dienste der Nation gebrüllt. Die Hehler
dieser Stehler der österreichischen Verfassung
waren die böhmischen Aristokraten, die, wie3. B.
Fürst Schwarzenberg, bekanntlich in gerader
Linie von Libnssa abstammen. Jeder dieser
Edelleute hat mindestens sechzehn Ahnen nnf-
zuweisen, die an dem Verderben des öster-
reichischen Staates mitgearbeitet haben; das
deutsche Volk war für sie stets das Edelwild,
das ihnen von Wenzel zugetrieben wurde und
das sie in fröhlicher Jagd zu erlegen gedachten.
Diese Herren sind gleich den Tschechen begeisterte
Autonomisten, die den Braten Oesterreich am
liebsten in die bequemen siebzehn Stücke der
Kronlander theilen möchten, weil sie diese
leichter schlucken können; und so mnthen sie
uns Oesterreichern siebzehn Patriotismen zu
und schwärmen in ihrer Herzen Grund für
ganz kleine, mit freiem Auge kaum wahrnehm-
bare Staaten_

Ist es ein Wunder, wenn die Bürger eines
solchen Landes mit Neid auf andere, in ge-
ordneteren Verhältnissen befindliche Reiche
blicken? So blicken jetzt die Oesterreicher nach
China. Ist es nicht erfreulich zu sehen, wie sich
ein ganzes Volk der harmonischen Ausbildung
seines Körpers widmet? Der Sport hat sich
Chinas bemächtigt; viele Tausende betreiben
mit Leidenschaft Athletik. Die alte Tsu-Tsi scheint
eine Freundin des Boxersportes zu sein; hat sie
sich doch seit ihrer Jugend für kräftige Männer
interessirt. Gewiß schätzt sie auch den Werth
der Gesundheit hoch; mußte sie doch erleben,
daß alle, die Anrecht oder Aussicht auf den
Thron hatten, in ihrer Jngendblüthe an einer
räthselhaften Krankheit starben, deren Bakterien
man bisher »och nicht entdeckt hat. (Sie wird
von den klugen Chinesen die Drachenpest ge-
nannt.) Jeder wird mit der Schwergeprüften
Mitleid haben, die so oft schmerzgebeugt hinter
dem Sarge von guten Freunden und Freun-
dinnen gehen mußte. Welche Sorgen mag auch
der bedauernswerthen Greisin die trostlose Lage
des chinesischen Budgets bereiten, das die sich
immer steigernden Ausgaben für Henker, Gift,
Dolche u. s. w. nicht mehr bedecken kann. Jeder
Menschenfreund muß sich freuen, daß Europa
ihr unter die schwachen Arme greift. Die einst

schöne Frau — und sie muß schön gewesen
sein, durch die so viele den Kopf verloren haben!
— ist jetzt leider in Unehren grau geworden
und sie wird sich wohl mit dem Titel „Groß-
mutter des Himmels" begnügen müssen. Viel-
leicht können wir die alte Dame, die so erfolg-
reich den Weltrekord in Todesurtheilen hält,
auch einmal in Wien begrüßen . . . Wie
müßten ihr, wenn sie einer Sitzung des Parla-
mentes zusieht, die Finger jnken und wie un-
begreiflich würden ihr unsere scheinbar zopf-
losen Mandarinen scheinen, die anstatt der
nothwendigsten Beile und anderer Beförde-
rungsmittel ins Jenseits nur ihre Aktentaschen
tragen. Einzig unsere Obstruktionsmusik mit
ihren Anklängen an chinesische Motive würde
sie als galante Huldigung freuen, die ihr die
ferne Heimat vortäuscheu soll. . . . Aber ich
fürchte, daß sie dennoch — und mit Recht — das
„Reich der Mitte" Oesterreich vorzieheu würde.

Wien, 15. Juni 1800

Ludwig Bauer

TSD

Rlassisches Zeugmß

Die Erde ist nichts als ein Bündel von Heu,
Danach Illenscheu, die Esel, sind toll,

Sie zerreil und drängen sich alle herbei,

Doch der größte, das ist I o h n Bull.

(Corö Byron „(Epigramm“)

Den Abort halte immer rein,

Man komme unbemerkt hinein.

Die Bowle braue nicht zu früh,

Sonst schmeckt zu stark der Sellerie.

Gibst Laviar Du als Vorgericht,

So streich ihn dünn, sonst langt er nicht.

Dienstmädchen soll ein Häubchen zieren,
Damit die Gäste sich nicht irren.

Um elf Uhr werfe Dich in Staat
Und sitze zum Ein pfang parat.

*) Die „Modenwelt" und „Jllustrirte Frauenzeitnng"
haben ein neues Preisausschreiben erlassen mit der
Aufgabe, ein „Anstands-AN-L" anszuarbeiten. Die
hier veröfsentlichte Arbeit gelangte wohl irrthümlich
an die Adresse der „Jugend".

462

Beim Brüh stück, nur für den Gemahl,
Ist die Toilette ganz egal.

beschenke kaufe im Bazar
Uird reiche sie von Herzen dar.

Die echte Hausfrau malet Brand
Und schmückt ihr Heil» mit allerhand.

Insekten gibt es, welche stechen,

Das Krayen aber ist Verbrechen.

Der Keller ist nur für die Kohlen,
Deir Wein läßt man beim Krämer holen.

Mit Uiebe angeboten, schmeckt
Auch riMonade fast wie Sekt.

Musik und eine Tasse Thee
Ersetzt das theuerste Souper.

Das Kadelgeld kann niemals reichen,
Die kluge Frau weiß auszugleichen.

Als Anstandsregel merke Dir:

Kein Tänzchen ohne Offizier.

Des Hauses dunkelste der Schluften
Sollst Du mit Uoesie durchdusten.

Mit yuasten, Franzen decke zierlich,
was sguivoqus und ungebührlich.

Romane wirken im Salon
Nur in Liebhaber-Edition.

Den Säugling laß im Hinterzimmer,
Zwar ist er nett, jedoch nicht immer.

Tischreden sind nicht zu verhindern,
Mit Takt kannst Du die Wirkung lindern.

2lls unschicklich betrachtet man,
wobei inan sich was denken kann.

Neigt der Gemahl zur Vollerei,

So koch' ihm neckisch Hirsebrei.

Das ZVischtuch lasse tapfer fliegen,

In diesem Zeichen wirst Du siegen.

Zahnstocher sind nicht gar so billig,
Drum brauche sie nicht muthewillig.

A. Mo.

O’KS'

Aus dem lyrischen

TageßuD de§ Leutnants von 8evsemß:

Meine Ansicht

Riesig jefreut mich, daß Kamerad Lauff
Dichten in Hand jenommen!

Hoffe, hilft Drama wieder auf.
war stark herunterjekommen.

Irade bei Schauspiel höchste Zeit,

Daß militärisch berichtigt:

Durch die Livildichter Schneidigkeit
Beinahe jänzlich verflüchtigt I
Schiller noch leidlich was von jehabt,
Ioethe schon seltneren Fälle».

Nach diesen aber wie abjeschnappt:
Schlappe, schlaffe Iesellen!

Nenne nur beispielsweise Kleist.

Prinz von Homburg jelesen?!

Keinen Dunst von soldatischem Ieist!
Sicher nie Fähndrich jewesen I
Spätere Dichter — nun jar ein Iraus
In militärischen Sachen!

Zieht Einem faktisch die Stiebe! aus,
wenn die in „Kriegsspiel" machen.
Leutnant v. Versewitz: Aus dem lyrischen Tagebuch des Leutnants von Versewitz
Caran d'Ache: Aus "Figaro": John Bull zwischen Suppe und Mehlspeise"
Si.: Klassisches Zeugniß
Ludwig Bauer: Chronik
A. Mo.: Anstands-ABC
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