Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

Page: 491
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1900_2/0051
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
1900

. JUGEND -

Nr. 29

Rudi: Sei nicht unvernünftig. Iß
ein Stückchen von dem schönen Rehbraten.

Frau Mhst: Ich kann nicht. (Heftig):
Laß uiich zufrieden. (Rudi sicht sic groß an.)
Sei nicht bös! Ich bin noch erregt von
der Vorstellung.

Rudi: Das merkt man.

Frau Misst: Hab' ich schön ausgc-
sehen heut Abend?

Rudi: Sehr schön, Maust. Nur warst
Du ein bischen zu roth geschminkt.

Frau Missi (empfindlich): So? Die
Andern haben das nicht bemerkt. Du —
das blaue Jetkleid war doch pompös —
nicht? Der Kirchner sagte, ich sehe aus
wie eine schillernde Schlange. Wie die
Sünde von Stuck.

Rudi: Ein sehr geschmackloser Vergleich.

Frau Missi: Wie Du gleich bist! Er
wollte mir doch ein Compliment machen.

Rudi: Ich finde, das ist ihm vorbei
gelungen.

Frau Missi (lehnt sich mit glänzenden
Augen in den Stuhl zurück): Heute Hab' ich's
wieder so recht empfunden, wie beliebt
ich hier bin. Das Publikum war ja wie
rasend.

Rudi (trocken): Meinst Du, das galt
Dir allein?

Frau Misst: Wem denn? Ich spielte
doch die Hauptrolle. Der Direktor kam
zweimal in meine Garderobe, mir die
Hand zu küssen, und die Collegen sagten
mir Schmeicheleien — kolossal! Ich wüßte
aber auch wirklich nicht, was aus deni
Stück geworden war' ohne mich.

Rudi: Zum Donnerwetter, wir An-
dern sind ja auch noch da.

Frau Misst: Was hast Du denn auf
einmal? Schrei mich nicht so au, ich
biu nervös.

Rudi: Na — denkst Du — ich nicht?
Du thust ja grad, als ob Du allein
Comödie spieltest! — „Der Star", Solv-
scene für Frau Mizzi Thaller. — Andere
haben sich doch auch in die Ehren des
Abends zu theileu, zum Beispiel —• Dein
Gatte!

Frau Miss,: Du?

Rudi: Ja, ich bin so frei.

Frau Miss!: Gott — Du hast ja
recht nett gespielt, aber Deine Rolle kann
doch überhaupt nicht zu meiner in Ver-
gleich konnnen.

Rudi: Ah — das ist sehr gut! Liebes
^ind, Du leidest ja au Größenwahn.

Frau Missi: Das hat mir noch Keiner
gesagt.

Rudi: Dir hat überhaupt noch Keiner
>vas anderes gesagt, als Schmeicheleien.
Darum kannst Du die Wahrheit nicht er-
tragen.

Frau Missi: Da war' ich neugierig.

Rudi: Soll ich sie Dir sagen? Du
warst heut gar nicht auf der Höhe Deines
Könnens. Die Reiseermüdung machte sich
bemerkbar. Das ist ganz natürlich und
ich würde nicht davon sprechen, wenn Du
Dich nicht wie ein Frosch aufblähtest.

Frau Missi (vernichtet): Wie ein Frosch.

Rudi: Das ist ein ganz niedliches
Thier, und durchaus keine Beleidigung. —
Ich will Dir sagen, was Deinem Spiel
fehlte: die richtige Pikanterie! Es lag
so ein Schimmer von Behäbigkeit darüber.
So was Solides, Hausfrauliches. — Das
ist sehr schön in unfern vier Wänden,
aber auf der Bühne, wenn man den
„Star" spielt —

Frau Misst (erhebt sich todtenbleich):
Hausfraulich? Solid? Genug der Be-
leidigungen! Aus Dir spricht der Neid!
Der Neid auf meine Erfolge! — Jetzt
kenn' ich Dich! — Unter solchen Umständen
wird es wohl das beste sein, wir trennen
uns wieder.

Rudi: Unuiittclbar nach der Hochzeits-
reise? Mizzi, mach' doch keine Dumm-
heiten!

Frau Misst (stolz): Wenn hier von
Dummheiten die Rede sein kann, niachst
Du sie, nicht ich. Gute Nacht! (Sie
geht in das Schlafzimmer und schließt geräusch-
voll die Thür ab.)

Rudi: Aber Mizzi, Schatz, das ist
ja lächerlich! (Klopft.) Mach auf! (Pause.
Er klopft stärker.) Ich kann doch nicht die
Nacht in dem kalten Zimmer zubringen.
Ich bekomme ja den Schnupfen. (Horcht.)
Keine Antwort? — Schön. Dann werde
ich mich eben allein zu unterhalten suchen.
(Zieht einige Briese aus der Tasche.) Ich lese
die schmeichelhaften Zuschriften — (mit
erhobener Stimme) die schmeichelhaften Zu-
schriften, welche mir heute beim Weggehen
aus dein Theater vom Portier übergeben
wurden. „Theurer Freund! Sie sind
ivieder zurück, Gott sei Dank! So lange
Sie fort waren, bin ich dem Theater
fern geblieben. Ihr meisterhaftes Spiel
(er schreit) mei-ster-haf-tcs Spiel — hat
mich heute theils beglückt, thcils zu Thrä-

nen gerührt" — — rc. re. Und der
hier? (Entfaltet einen zweiten Brief): „Mein
Herr! Wenn Sie wirklich so lieb sind,
wie Sie aussehen und spielen, danit
müssen Sie schon ganz furchtbar lieb sein.
Könnte ich Sie doch nur einmal sprechen!
Ich brenne darauf" —

Frau Misst (öffnet ein wenig die Thür):
Renommir' doch nicht! Das sind ja nur
fingirte Briefe!

Rudi: Nein, das sind sie nicht. Aber
höchst gleichgiltige Briefe von dem Augen-
blick an, wo mein Weibi wieder lächelt.
Sei gut! (Er drängt sich in den Thürspalt.)

Frau Misst: Unter einer Bedingung.
Versprichst Du, nie wieder so unverschämt
zu sein, wie heute Abend?

Rudi (mit einem ergebungsvollen Blick):
Ich verspreche.

Frau Missi: Gestehst Du ein, mein
Spiel nur aus Neid über meinen Erfolg
getadelt zu haben?

Rudi (schluckend): Ich gestehe.

Frau Missi: Gelobst Du für die Zu-
kunft Besserung?

Rudi: Ich gelobe.

Frau Missi: Schön, mein Burscherl.
Dann kannst Du hereinkommen.

Rudi (löscht die Lampe im Speisezimmer):
Ein Psychiater hat mir einmal gesagt:
„Gehen Sie auf die krankhaftesten Phan-
tasien ein! Hüten Sie sich, zu wider-
sprechen! Ohne dieses Prinzip kommt man
im Irrenhaus und in der Ehe nicht durch."

Er folgt seiner Gattin in's Schlafzimmer.)

Rampenlichter

Solange einer nichts ist und etwas
kann, wird er von der Kritik angegriffen.
Ist er etwas geworden und kann nichts
mehr, dann spielt sie ihn gegen jene aus,
die nichts find und etwas können u. s. w.
Das ist der Kreislauf der Kritik.

Das enge Talent mancher Schau-
spielerin ist ihre weite Decolletage.

Wenn der Dramatiker mit seiner Zeit
geht, dann muß er auch mit ihr
straucheln.

Die Theaterstücke der Gegenwart sind
meistens schlecht, wenn man aber unsere
Kritiker liest und unser Publikum sieht.
Sann findet man sie meistens noch über-
raschend gut. cuckvvig »auer

keim ZirnrnerTtutjenTcbießen

Schauspieler: Bitte, nach Ihnen,
Herr Direktor!

Direktor: (abwehrend): Bitte, keine
Umstände — Sie find ja an den Bor-
schuß- gewöhnt.

491
Walter Caspari: Zeichnung ohne Titel
Ludwig Bauer: Rampenlichter
[nicht signierter Beitrag]: Beim Zimmerstutzenschießen
loading ...