Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 33

- JUGEND

1900

In GrauKünLken

Giovanni Segantini f

'Vorfrühling

mit Itärkercm Häuschen rollt das dunkle Meer
Jln dunkle Husten seine XOcllcn her.

Jim wolkenlosen Himmel, kühl und rein,

Erstrahlt der 5terne srühllngsblaffer Sdjcin.

Oer Wind, der vom Gebirge niederstreikt,

Ins junge 0rün der Lichen brautend greift.

Erftarrtes und Vernarbtes iiihl Ich beben:

Der Sdjmcrz kehrt wieder und mit ihm das Leben.

Felix Dörmami

träume

Ternhin verwebt Gesang in Duft und Stille..
Uns bat der Lag zu viel des Glücks gebracht,
Komm dicht zu mir, — wir lauschen in die Dacht,
lüie ich die Ulelt mit unsern Cräumen fülle.

Schwarz schläft die Gondel an den marmorstufen,
Gin Blinken, wie verirrter mondensebein,
Hkazienduft strömt schwer zu uns herein,

Uom naben Park tönt Nachtigallenrufen.

Ufas uns der Cag von seinem Glanz gegeben,
Lacht selig durch die blaue Dunkelheit:

Lief in uns selber rauscht die bunte Zeit,

Die wir in unsern Cräumen fromm erleben.

Otto falckcnberg

Der Kuchen

Von LHarles Baudelaire

war auf der Reise. Ich stand mitten in
öS, einer Landschaft, deren wunderbarer Anblick
einen tiefen Eindruck auf mich machte, Zweifellos
ging in meinem Innern etwas vor sich. Meine
Gedanken schwärmten so leicht wie die Luft um-
her. lsaß und irdische Liebe und alle anderen
niedrigen Eigenschaften schienen fern von mir zu
liegen, wie die Molken, die tief im Abgrund unter
meinen Fußen dahinzogen; es war mir, als wäre
meine Seele so weit und so rein, wie die lhimmels-
Wölbung, die mich umgab. Die Erinnerung an
die irdischen Dinge regte sich nur leise in mir,
gleich dem Schellengeläute der Viehherden, das von
einer andern Bergspitze fein und dunkel herüber-
tönte, lieber den unbeweglichen kleinen See mit
seiner unermeßlichen Tiefe huschte der Schatten
einer Molke wie der Miderschein eines Riesen,
der über den Lsimmel hinglitt. Mit einem Mort
— dank der hinreißenden Schönheit, die mich um-
gab — fühlte ich mich in vollkommenem Frieden
mit mir selbst und mit der ganzen Melt; ich
glaube sogar, ich war in meine Glückseligkeit so
versunken und hatte alles auf Erden so völlig
vergessen, daß ich die Leute gar nicht mehr so
lächerlich fand, die da behaupten, der Mensch
werde gut geboren.

Inzwischen forderte auch der Magen sein Recht,
der lange beschwerliche Aufstieg hatte mir Appetit
gemacht, und ich zog deshalb aus meiner Tasche
ein großes Stück Brot, einen ledernen Becher

und eine kleine Flasche mit einem Elerier, das
die Apotheker damals den Touristen verkauften,
und das mit größter Leichtigkeit überall, mit ein
bischen Schnee vermischt, genossen werden konnte.

Ich hatte mich eben gesetzt »nd schnitt mein
Brot in Ruhe und Gemächlichkeit in kleine Scheiben,
als ein leises Geräusch mich veraulaßte, aufzu-
seheu. vor mir stand ein kleines, schmutziges,
zerlumptes und zerzaustes Mesen, dessen eingefallene
Augen auf einmal gierig und zugleich demüthig
das Brot austarrten. Dann hörte ich, wie es mit
gedämpfter und heiserer Stimme das eine Mort
ausstieß:

„Rüchen I"

Ich konnte nicht umhin, über die Bezeichnung
zu lachen, mit der er mein bescheidenes Brot be-
ehrte und schnitt ihm eine ordentliche Scheibe ab
Langsam näherte er sich und verließ den heiß-
ersehnten Gegenstand nicht mit den Augen; dann
schnappte er das Brot fort und sprang schnell zu-
rück, als fürchtete er, mein Anerbieten wäre nicht
aufrichtig, oder es thäte mir schon wieder leid.

Doch in demselben Augenblick wurde er von
einem andern kleinen Jungen zu Boden gerissen,
der von irgendwoher auftauchte und dem ersten
so ähnlich sah, daß man sie für Zwillinge halten
konnte. Sie wälzten sich an der Erde hin und
her, während sie sich um die kostbare Beute schlu-
gen, denn keiner von den Beiden wollte dem
Bruder die lhälfte überlassen. Erbittert faßte der
erste den andern in die lsaare; dieser biß sich in
dem Whre seines Gegners fest und spuckte eine»
blutigen Stumpf desselben mit kräftigem länd-
lichen Fluche aus. Der rechtmäßige Eigenthümer

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Otto Falckenberg: Träume
Giovanni Segantini: In Graubündten
Charles Baudelaire: Der Kuchen
Felix Dörmann: Vorfrühling
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