Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 36

JUGEND

1900

Radirung

Romanze

Von I)ugo Salus

T<t> trat vor den König: „Erprob mein Lied!
Und mög' mein Sang der Königin taugen!“
Und der König winkte mir matt und miid;
Und ich lang mein Lied von den meertiefen

Jfugen:

„Es gibt JTugen, klar und mild und rein,
Und lind doch tiefe, meertiefe Schächte.

Und find doch voll mit dem TOondenfdfein
Sehnsüchtig fchlaflofer Sommernächte.

Und wer es verfteht, der fchaut darin
ganze Himmel voll Liebe und Sehnen,
Lanze Nächte voll Träumen und Thränen..
Lies ift mein Lied, o Königin!“

Ob mir der König gelaufcht? Mir gilt’s gleich;
Warf er mir doch das (äoldkettlein nieder.
JTber Königin! lUas bift Du fo

fterbensbleid)!?

'Was fenkft Du fo fcheu vor den Blicken

die Lider!?

CQondnacht

Was dann!

von Guy de Maupassant

„Ihr müßt schlafen gehen, meine Lieblinge,"
sagte die Gräfin.

Die Kinder, zwei Mädchen und ein Knabe,
standen ans und umarmten ihre Großmutter.

Nachher sagten sie dein Pfarrer Gute Nacht, der
wie immer Donnerstags inr Schloß gegessen hatte.

Zwei voll ihnen setzte der Abbe Mauduit auf
seine Kniee, legte seine Arme, die ganz vom Ta-
lar bedeckt wären, um ihren hals, und ihre Köpfe
mit weicher, väterlicher Bewegung an sich ziehend,
gab er ihnen einen' langen, zärtlichen Kuß auf
die Stirn.

Dann, als er sie wieder nicdergesetzt, gingen
die Kleinen hinaus, der Knabe voran, die beiden
Mädchen folgten.

„Sie haben die Kinder lieb, Herr Pfarrer,"
sagte die Gräfin.

„Sehr, gnädige Frau."

Die alte Daine sah ihn mit ihren Hollen Augen an.

„Und Ihre Einsamkeit ist Ihnen nie zu
schwer geworden?"

„Doch — manchmal."

Er schwieg plötzlich und fuhr dann fort: „Ich
war aber nicht für das gewöhnliche Leben geboren!"

„was kennen Sie von ihm?"

„Ich kenne es. Ich war zuin Priester geboren und
bin nur den mir vorgeschriebenen weg gegangen."

Die Gräfiii sah ihn noch immer an: „Erzählen
Sie mir das, Herr Pfarrer. Erzählen Sie mtr,
wie Sie sich entschlossen habeil zuin Verzicht auf

Albert Welti (München)

alles, was uns das Lcbcil liebenswerth macht, auf
all das, was lins tröstet und aufrecht erhält, was
hat Sie dazu bestimmt, getrieben, vom natürlichen
Wege der Ehe uiid der Familie abzuweichen? Sie
sind kein Phantast, Fern Fanatiker; weder pessimi-
stisch, noch verdüstert, hat ein Lreigniß, ein Kummer
Sie veranlaßt, die ewigen Gelübde abzulegen?"

Der Abba Mauduit stand auf uiid ging an den
Kamin, dann streckte er seine groben Landpfarrer-
schuhe dem Feuer entgegen. Er schien iioch immer
mit der Antwort zu zögern.

Er war ein hoher Greis im weißen haar, der
schon zwanzig Jahre den Dienst in St. Antoine
du Rocher versah. Die Bauern sagten von ihm:
„Das ist ein braver Manu."

Urid er war in der That ein braver Mann,
wohlwollend, herzlich, mild und namentlich wohl-
thätig. wie St. Martin hätte er seinen Mantel
getheilt. Er lachte gern und weinte leicht, wie
eine Frau, was ihm sogar ein wenig in ben Augen
der harten Bauern schadete.

Die alte Gräfiir von Saville, die sich nach dem
rasch aufeinanderfolgenden Tode ihres Sohns und
ihrer Schwiegertochter in ihr Schloß Rocher zurück-
gezogen hatte, um hier ihre Enkel zu erziehen,
liebte sehr ihren Pfarrer und sagte von ihm: „De>
hat Herz."

Er brachte jeden Donnerstag Abend bei ihr
zu, und sie hatten sich in der festen und offnen
Freundschaft alter Leutchen zusammengefuuden.
Sic verstanden sich beinah auch ohne Worte, da
sie gütig waren in der schlichten Güte einfacher
und herzlicher Menschen.

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Guy de Maupassant: Was dann?
Hugo Salus: Romanze
Albert Welti: Mondnacht
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