Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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1900

. JUGEND .

Nr. 36

Sic bestand auf ihrem Wunsch: „Nun, Herr
Pfarrer, beichten auch Sie einmal."

£r wiederholte: „Ich war nicht für das ge-
Ähnliche Leben geboren. Ich hab's zu meinem
Gluck rechtzeitig gemerkt — und es hat sich später
noch oft gezeigt, daß ich mich nicht getäuscht habe.

Mein Vater war ein kleiner Kaufmann in
, 'evoiets, wohlhabend, und meine Eltern wollten
hoch mit mir hinaus. Sie gaben mich daher sehr
frühzeitig in Pension. Man weiß nicht, was ein
Kmo alles leiden kann, allein durch die Thatsachc
:cr Trennung und Einsamkeit. Dieses gleich-
förmige und lieblose Lcbcii ist gut für die einen,
aber entsetzlich für die andern. Die Kleinen sind
oft zartfühlender als man glaubt, und indem man
N? s° nur allzufrüh, fern von denen, die sie lieben,
einschließt, erweckt man in ihnen ein Uebcrmaß
i’oii Feinfühligkeit, die allinählich überreizt, krankhaft
und gefährlich wird.

Och spalte nicht mehr, hielt mich fern von den
Kameraden; tags verzehrte ich mich im Heimweh
nach paus, nachts weinte ich in meinein Nett;
nh zerbrach mir den Kopf, uiii Erinnerungen an's
Vaterhaus wiederzuerwecken, Erinnerungen an un-
bedeutende Einzelheiten, kleine Diiige und Erleb-
>nlse. Ich pachte unaufhörlich an alles, was ich
daheim zurückgelassen. Ganz nach und nach wurde
>ch so überreizt, daß mir leichte Verstimmungen
tiefen Kummer bereiteten.

Dabei blieb ich verschlossen, ohne Mittheilsam-
kcit, ohne Freunde. Diese Entwicklung vollzog sich
in, Geheimen und sicher. Die Nerven der Kinder
sind rasch erregt, man müßte darüber wachen, daß
sie fast bis zur völligen Reife in tiefem Frieden
aufwachsen. Aber wer denkt daran, daß einzelnen
-chülern eine ungerechte Strafarbeit vielleicht einen
ebenso tiefen Schmerz bereitet, wie später der Tod
eines Freundes; wer gibt sieb denn darüber genau
Rechenschaft, daß einzelne Kindesscclcn fast um
ein Nichts in den furchtbarsten Aufruhr gerathen
und in kurzer Zeit unheilbar seelisch krank sind?

So kam cs bei mir. Die Fähigkeit des Schmer-
zes entfaltete sich derart bei nur, daß mein ganzes
Dasein ein Leiden wurde.

Allein ich sagte nichts davon, ich sprach über-
haupt nicht mehr; aber allmählich wurde ich so
feinfühlig oder besser so übertrieben empfindlich,
daß mein Porz einer offnen Wunde glich. Alles,
was mein Inneres berührte, rief in ihm Leidens-
zuckungen hervor, furchtbare Erschütterungen, und
die Folge — wahre Verwüstungen. Glücklich die
Menschen, die die Natur mit Gleichgültigkeit ge-
panzert und mit Widerstandskraft gcwaffnct hat.

Ich wurde sechszehn Jahre alt. Aus der Fähig-
keit, unter Allem zu leiden, war mir übertriebene
Zaghaftigkeit erwachsen. Gegen alle Angriffe
des Zufalls oder der Vorsehung fühlte ich mich
schutzlos und scheute daher jede Berührung. Als ob
ich unaufhörlich ein unbekanntes, drohendes Un-
glück zu befürchten hätte, lebte ich in beständiger Be-
reitschaft und wagte nicht aus mir herauszutreten,
weder zu sprechen noch zu handeln. Ich wußte zu
gut, was für ein Kampf das Leben ist, eine furcht-
bare Schlacht, in der man die entsetzlichsten Schläge,
schmerzende Todeswundcn erhält. Anstatt wie an-
dere Menschen, die beglückende poffnung auf das
Morgen zu nähren, hatte ich davor nur ein dunkles
Grauen, fühlte ich in mir den Drang, mich zu ver-
stecken, dem Kampfe, in den, ich fürchtete, besiegt
und getödtet zu werden, auszuweichen.

Am Ende meiner Schuljahre erhielt ich sechs
Monate Urlaub, um mir einen Beruf zu wählen.
Ein sehr einfaches Ereigniß gab mir plötzlich Klar-
heit über mich selbst, zeigte mir den krankhaften
Zustand meiner Seele, ließ mich die Gefahr ver-
stehen und bestimmte mich, sie zu fliehen.

verdiers ist eine von Feldern und Waldungen
umgebene Kleinstadt. Das paus meiner Eltern
lag in der Pauptftraße, einst hatte ich das Vater-
haus so schmerzlich entbehrt, und nun verbrachte
ich meine Tage fern von ihm auf weiten, ein-

samen Spaziergängen in der Umgegend, um die
in mir erwachten Träume davon flattern zu lassen.
Meine Eltern, die in ihrem Geschäft aufgingen
und voll mit meiner Zukunft beschäftigt waren,
sprachen mit mir nur von ihrem Pandel und
Meinen Aussichten. Nüchterne, praktische Menschen
liebten sie mich mehr mit ihren, verstand als mit
ihrem Perzen; ich lebte in meinen Gedankemnauern,
zitternd vor meiner stetigen Unruhe.

Eines Abends, als ich von einem weiten Aus-
stuge zurückkehrte und, um mich nicht zu verspäten,
eilig auf den, peimwege hinschritt, sah ich einen
pund auf mich zulaufen — eine Art brauner
pühnerhund, sehr mager, mit lang herabhängen-
den Ghrlappen.

Nur noch zehn Schritt von mir entfernt, blieb
er stehen, ich ebenfalls. Schwanzwcdelnd und an,
ganzen Körper vor Furcht zitternd kam er zögernd
heran. Dabei ließ er sich auf die Vorderpfoten
nieder, wie um mich änzuflehen, und beugte leise
seinen Kopf. Ich rief ihn. Er schien darauf so
unterwürfig, traurig und flehend sich heranzuschlcp-
pen, daß ich mir die Augen feucht werden fühlte.
Ich ging auf ihn. zu, er lief zwar.weg, kam dann
aber zurück. Ich kniete nieder, indem ich ihm
Bissen hinhielt, um ihn heranzulocken. Endlich
war er nur noch auf Armeslänge von mir ent-
fernt; und ganz sachte fing ich an, ihn mit unend-
licher Vorsicht zu streicheln.

Er wurde zutraulicher, erhob sich nach und nach,
legte die Pfoten auf meine Schultern und versuchte
mein Gesicht zu belecken. Er folgte mir bis nach Pause.

Er wurde in der That das erste Wesen, das
ich leidenschaftlich liebte, weil es mir meine Zu-
neigung vergalt. Gewiß, ineine Liebe zu diesem
Thier war übertrieben und lächerlich. Mir schien
es dunkel, als wären wir Geschwister, verlassen
auf Erden, eines so schutzlos und einsam wiedas
andre, Er verließ mich nicht mehr, schlief am
Ende meines Bettes, theilte trotz der Unzufrieden-
heit meiner Eltern die Mahlzeiten mit mir, und
begleitete mich auf meinen einsamen Wanderungen.

Gft machte ich Rast am Rande eines Grabens
und warf mich in das Gras. Sam sprang sofort
herbei, kauerte sich zu meiner Seite oder auf Meinen
Knieen und hob leise meine pand mit seiner
Schnauze empor, um sich streicheln zu lassen.

Lines Tag's, Ende Juni, da wir auf der Land-
straße nach St. Pierre de Lhavrol waren, sah ich
die Postkutsche von Ravereau kommen, vierspännig
kam sie in rasender Eile heran, mit ihrem gelben
Kasten und der Plane aus schwarzen, Leder, die
ihr Deck überschattete. Der Kutscher ließ seine
Peitsche knallen. Unter den Rädern des schwer-
fälligen Gefährts wirbelte der Staub empor und
flog in einer dunklen Wolke hinter ihr weg.

Sam, vielleicht erschreckt durch das Geräusch
und um zu mir zu kommen, stürzte plötzlich bei
ihrem Nahen vor ihr her. Der puf eines Pferdes
warf ihn hin, ich sah ihn fallen, sich überschlagen,
wieder aufstehen und zurück auf alle viere fallen.
Der ganze wagen empfing zwei harte Stöße und
ich sah hinter ihm im Staub der Landstraße etwas
sich noch regen. Er war fast in zwei pälften zer-
schnitten, sein Eingeweide hing zerrissen heraus.
Er versuchte sich zu erheben, zu laufen, aber nur
die Vorderpfoten konnte er noch bewegen, damit
scharrte er in der Erde, wie um dort ein Loch zu
graben. Die piuterbeine waren bereits abgestorben.
Und toll vor Schmerz heulte er furchtbar auf.

Nach wenigen Minuten war er todt. Ich litt
unsagbar, einen Monat hütete ich das Zimmer.

Da sagte mir eines Abends mein Vater, auf-
gebracht, mich wegen dieser Kleinigkeit in solchen,
Zustand zu sehen: „was wirst Du erst thun, wenn
Du wahren Kummer hast, wenn Du Frau, Kinder
verlierst. Man darf sich nicht so gehen lassen."

Seitdem blieb das Wort in mir haften, klang
mir immer wieder in den Ghren: „was wirst
Du erst thun, wenn Du wahren Kummer hast,
Weib, Kinder verlierst?"

Und ich begann klar über mich zu werden. Ich
sah ein, warum die kleinen Verdrießlichkeiten des

Gertrud Kleinhempel (Dresden)
Gertrud Kleinhempel: Zierleiste
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