Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 43

JUGEND

1900

Der Traum vom ßlück

Don Wilhelm f)olzamcr

Oft träum ich einen qrohen Traum vom

öliick:

Es war gekommen wie nach Kegen 5onne,
Und mitten Ttiind ich, wie als Kind ich ftand,
jffu! meines Dorfes reichbebautem Mgel,
'Im Thal der Dach und grüner Aiefengrund,
Und rings um mich das IVogen reifer 5aat.

Und mitten Ttiind id), wie als Kind ich

ftand,

Und rings um mich, wie l)alm an Halm

im ?elde,

Vergrämter Menschen ungezählte Zahl —
Und allen gäb id), wie die Zonne gibt,
Und über alle spannte leuchtend fid)

Und ftill des Himmels niebewölktes

Dlau-

Und einer ginge schweigend um den andern,
Und hell von Liedern tönte bald mein Thal..

Oft träum id) einen qrohen (Traum vom

ßliick.

Gottesdienst

Don Map <§rad

WZanz still ist's in der Kirche, obwohl sich Leib
V*) an Leib darin drängt. Die herbe Kühles
welche dort geherrscht, ist einer dumpfen, schwülen
Luft gewichen. Der Dunst des Weihrauchs und
der zusammengepferchten Menschenkörpcr weben
eine dünne Nebelschicht in die Dämmerung des
Kirchenschiffes. Es ist, als sollte das ganze Gottes-
haus in traumhaften Schlaf versinken; und mit ihr
auch der hl. Michael, der drohend und zürnend,
das goldene Schwert schwingend, auf einer blauen
Kugel an der besternten Wand steht. Mit ihr
auch das bluthrothe, zuckende Aenglein in der
herabhängenden Ampel des „ewigen Lichtes."

— Endlich sind die ermüdenden Gebete und
Litaneien zu Ende. Der Mann droben auf der
Kanzel scheint plötzlich ein ganz anderer geworden

zu sein. Ganz anders spricht er jetzt. Aus sich
selbst — zum Dolf. Und da gibt es jedem einen
Ruck. Jeden erfaßt mehr oder minder eine fremde,
neue Macht. Ist vorher die kleine Pause vor
diesem Uebergang von den Anfgeschreckten znm
pusten, Räuspern, Spucken und vielleicht auch zu
flüsterndem Gespräch benützt worden, jetzt herrscht
dafür um so größere Stille. Sie halten fast den
Athen, an, um ja kein Wort zu verlieren; man
meint den Goldschaum knistern zu hören, der die
geweihten Wachskerzen verziert. Jetzt steht der
Priester hochaufgerichtet frei in Mitte der Kanzel,
die von einem Klumpen weißlackierter, dicker
Engelskörper getragen zu fein scheint. Dann
beugt er sich wieder weit über den breiten Rand,
auf den er die pände stützt, wenn er sie nicht wie
beschwörend gegen Pimmel streckt. Don dem
blüthenweißen Chorhemd fallen breite, reiche
Spitzen. Eine kostbare violette Stola zittert und
tanzt an der bebenden Brust des Uebereifrigen.
Aus dem gelbbleichen, hageren Gesicht funkeln die
schwarzen, zelotischen Augen und bohren sich hinein
in die Menge der Dichtgedrängten. Jeder glaubt
s ich besonders ins Auge gefaßt, und meint sich am
meisten betroffen fühlen zu müssen. Aus den
tiefsten Tiefen, auch des verhärtetsten Gewissens,
weiß dieser Gottesmann die geheimsten Sünden,
schon begangen, oder bis jetzt nur geplant, an's
Helle Tageslicht zu ziehen. Keiner traut sich mehr
dem Andern in's Gesicht zu sehen. Jeder schämt
sich, so dastehen zu müssen in seiner Seele Nacktheit.

Und langsam löst sich allmählich Einer ab, der
im Zwischengang stehend, bisher ein Glied dieser
undurchdringlich scheinenden festen Mauer gebildet
hatte. Es ist fast, als löse sich jetzt auch diese
von ihm und als stauten sich die Leiber ringsum
lieber auf- und übereinander, als daß sie noch
länger mit diesem Manne in so naher Berührung
blieben. Wie eine Befreiung, mit ungeheurer Ge-
nugthuung fühlt man, daß der Priester diesenEinen
ganz besonders im Auge hat, daß der Lavastrom
seiner Rede dazu bestimmt ist, hauptsächlich ihn
vernichtend zu übersluthcn. Wie Nadeln, wie ver-
giftete Pfeile sollen diese, von der Kanzel gesandten,
flammenden Blicke, diese wohlgesetzten Worte ge-
rade ihn treffen. Aber beides scheint an dem Ein-
samen abzuprallen, als trüge er einen eisernen
Panzer, pochaufgerichtet — gelassen — steht er
da, alle Menschen überragend. Er schlägt kein
Kreuz, klopft nicht an die Brust — kniet niemals
nieder. Ruhig, mit offenem Blick umfaßt er, was
ihn umgibt. Offen und klar sind auch seine Angen
auf den Priester da oben gerichtet. Immer mehr
schwillt dessen Stimme an. Anklagend, drohend,
vernichtend. Don all den Oualen und Foltern der

Märtyrer spricht er, die sich dein Alleinzigen zum
Opfer gebracht. Don beit Martern und Oualcn
des Fegfeuers und der pölle. Endlich aber —
zum brausenden Orkan hätte er seine Rede an-
schwellen lassen mögen — von der frevelhaften
Dermessenheit des elenden Menschengeistes, der ein
Adler fein will, die Schwingen gegen das heilige
Feuer göttlicher Wahrheit erhebt, um sodann ver-
brannt und verblutend zur Erde zu stürzen.

„Wehe und dreinral wehe über die Päupter
dieser dem Satan Derfallenen, der Abtrünnigen.
Wehe den Seelen dieser Gottverstoßencn! Don
Euch kehren sich ab die Angesichter der Frommen;
in beit Gräbern regen sich die Gebeine Eurer
Däter. Aus den Grüften heben sie ihre knöchernen
pände und verfluchen Dich — den sie geboren —
Dich — den Athei sten!!" —

Die schmetternde Stimme gilt auch in der An-
rcde längst nur mehr dem Einen M a n n. Kaltes
Entsetzen bemächtigt sich Aller, Entsetzen, das
seinen Ausdruck in einem halblauten Schreckens-
gemurmel findet. Nur eben der, dem das Alles
gilt, bleibt vollkommen ruhig. Keine Miene zuckt
in seinem Gesicht. Mit Spannung scheint er den
Sonnenstrahlen zu folgen, die sich durch die bunten
Glasfenster stehlen.

Erschöpft — wirklich wie am Ende seiner
Kräfte, schließt der Eifernde da oben. Langsam
und verträumt wendet sich unten Liner zum Gehen.

Eine ganze Weile bleibt in der Menschenmauer
noch die Lücke, die er gelassen, als wolle Keiner
diesen fußbreiten Platz einnehmen. Man kann die
mattgelben Steinplatten des Bodens sehen. Ucbcr-
all findet der Mann freien Weg, bis zur schweren
Kirchenthüre, die er fchon, als hätte sie sich selbst
rasch und lautlos geöffnet, zu seinem Austritt be-
reit findet.

Ls flüstert und zischelt hinter ihm her. In
seinem Dhr aber tönt schrill und scharf das eine
wort: „Atheist!"

Warum er hieher gekommen war? pören und
sehen wollte er, was und wie Andere denken, um
,gerecht sein zu können! Er athmet tief auf in
der frischen, erquickenden Morgenluft. An all den
Gräbern geht er vorüber, durch den blumigen pain
der Derwesung, in dem der Frühling blüht und
singt. Durch das Dorf hinaus — weiter, weiter,
höher — immer höher!

Langsam ansteigend, schlängelt sich ein schmaler
Wiesenpfad zu den bewaldeten pöhen; des Lenzes
erstes, herrlichstes Kleid schmückt die smaragd-
grünen Matten. Blühende Obstbäume liegen darin
zerstreut, Lerchen jubiliren in der nahen Saat,
tausendfältiges Leben allüberall. Stunden vergehen,
Den Wanderer umfängt schon lange der ernste,

7-4
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Carl Oskar Arends: Zeichnung ohne Titel
Wilhelm Holzamer: Der Traum vom Glück
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