Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 44

JUGEND °

1900

Heimkekr

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Ich kehre heim aus reichem Schiffe.

Des fremden Landes Strand verblich.

Schon grüßen mich bekannte Riffe,

Und Sturm und Meer versöhnen sich.

Schon tauchen auf im Abendscheine
— Das Auge weidet sich nicht satt —

Die hohen Ufer, stillen Haine,

Und eine liebe alte Stadt.

Und unter vollen Segeln gleitet
Das Schiff dahin, wie auf der Zlucht.

Die grünen Arme ausgebreitet,

Empfängt mich nun die weite Bucht.

Me alle freudig mich begrüßen,

Mit treuer Huld im Angesicht!

D, alles leg' ich euch zu Füßen;

Denn eure Liebe starb mir nicht.

Und wolltet einstmals ihr mir fluchen,

Daß ich bestieg den schwanken Kahn:

Ich ?og hinaus, das Glück zu suchen —

Hier nehmt! Ls ist für euch gethan.

B. Kassau

In festen Länden

von Emma Merk

Elegante Räume, eine geputzte Gesellschaft. Ls ist schon etwas
Sö2 spät, es ist schon etwas langweilig. Man hat gut gegessen und
getrunken. Nun schiebt man sich mit heimlichem Gähnen durch die
Zimmer und wartet, ob nicht noch etwas Lustiges kommt. Aber es
kommt nichts.

An einem runden Tisch im Rauchsalon amüsiren sich die Herren
noch am besten. — Sie lassen die anwesenden Gäste Spießruthen
laufen und jeder bemüht sich, mit einem scharfen Zungenklaps ein-
zusetzen, wenn gerade eine neue Gestalt im Nebenzimmer auftaucht.

„Nein, wie diese Frau Lommerzienrath Rudhof in der letzten Zeit
nachgelassen hat, das ist wirklich arg!" —

„ Schrecklich alt sieht sie heute aus!"

„Ja, für sie wär's Zeit, gescheidt zu werden."

„Damit wird sie sich hart thun!"

„Nun, man muß nicht zu viel verlangen. Aber ein paar negative
kleine Wandlungen, wenn sie nur weniger laut und hysterisch lachen
würde!"

„Und sich weniger stark dekollctiren möchte!"

„Aber ich bitte Sie! — Das ist doch eine alte Geschichte, daß
die Damen ihre Reize am allerfreigcbigstcn herzeigen — wenn keine
Neugier mehr darnach vorhanden ist!"

„Sehr richtig. — So lang's der Mühe werth wär' — sind sie
geizig."

Man lacht und flüstert.

vor dem Tische ,nit den Ligarrenkistchen stand ein
etwas untersetzter Herr mit den vollen Zügen eines
Gourmands und wählte mit Kennerblick unter den ver-
schiedenen Importirten, die der Hausherr seinen Gästen
zur Verfügung stellte. Man hatte während des Gesprächs nicht auf
ihn geachtet. Als nun aber das Zündhölzchen aufflainmte, mit
dem er sich seine Regalia ansteckte, stieß ein Herr den Nachbarn,
dem noch eine Bemerkung über Frau Rudhof auf der Junge zu
schweben schien, bedeutungsvoll mit dem Ellbogen und machte eine
Bewegung, die Schweigen empfahl. Der Herr entfernte sich mit
seiner Ligarre. Nun zog man an dem Lästertisch die Augenbrauen
in die Höhe und lachte sich verlegen an.

„Herrje, Herrje! Das ist ein Pech! Das haben wir gut gemacht!
wir ziehen über Frau Rudhof los und da hinten steht der Schrift-
steller — wie heißt er doch gleich? — ja Witzmann, Paul witz-
mann, der Kritiker, wissen Sie — und hört jedes Wort!"

„Nun warum?" fragt ein Neuling, der erst vor Kurzem in die
Stadt gekommen war. — „Er ist doch nicht mit ihr verheiratet?"

„Nein! — Verheiratet allerdings nicht," ruft man unter allge-
meinem Gelächter. — „Aber es gibt zuweilen noch andere, nähere
Beziehungen!"

„Sogar sehr nahe!"

„Ja so! — Nun, wenn er ihr Liebhaber ist, dann kann's
ihn ja nur beruhigen, daß ihn keiner von uns aus dem Feld
schlagen will."

rj


M

H. Niste

„Na, ich weiß nicht, man freut sich in
einem solchen Fall' doch nicht."

Witzmann freute sich in der That gar
nicht, daß die Herren „seine Ludmilla" so ge-
altert fanden Er ging übellaunig in das
Eßzimmer, in dem man sich wieder am
Tische niedergelassen hatte und Bowle trank.
Sie saß da neben ein paar Herren, die ab-
gedroschene Anekdoten erzählten, und lachte
überlaut, während ihre flackernden, dunklen
f — ■ Augen zerstreut herumirrten und nach ihm

suchten. Es verstimmte ihn in diesem Mo-
inent, daß sie so auffällig beiseite rückte
und ihn durch ihre Aufforderung zwang,
neben ihr Platz zu nehmen.

„Sie hat eine Art, die Geschichte an die
große Glocke zu hängen!" dachte er, wäh-
rend er sich niederließ und die beiden Herren
sich erhoben, um das Paar, das nun ein-
mal in der öffentlichen Meinung zusammen-
gehörte, seinem rere-a-tere zu überlassen.
Die Gesellschaft ist ja stets von zarter Rück-
sicht für ein Verhältniß, daß sich mit an-
ständiger Schlauheit hinter dem Rücken des
Gatten absxinnt.

Ludmilla entfaltete ihren großen, weißen
Federfächer und war bereit, die hübsche Ge-
legenheit zu einem pikanten Geflüster aus-
zunützen. Witzmann machte ein übellauniges
Gesicht. Sie sah heute wirklich nicht gut
aus. Der Puder, der sonst ihren Wangen
eine gleichmäßige glatte Blässe gab, hatte
sich in der Hitze verflüchtigt; nun war sie gelb
und fahl, mit schweren Ringen um die ruhe-
losen Augen und die Haut um Kinn und
Stirne wirkte noch faltiger und welker nebeir dem weiß der Büste
und des Nackens, die sich allzu üppig aus dem spitzenbesetzten, von
Diamanten funkelnden Ausschnitt des hellen Atlaskleides hervorhoben.

„Du hast mir noch gar nicht gesagt, Paul, wie Dir meine neue
Toilette gefällt?" frug sie flüsternd.

„Eine verrückte Idee von Deiner Schneiderin, Dir diesen glatten,
hellgelben Stoff zu empfehlen!" brummte er unhöflich. „Das steht
Dir nicht."

„Gh! Eben hat Frau Professor Horstmann das Kleid so be-
wundert!" schmollte sie enttäuscht.

„Als ob es ihr ernst wäre mit einem wort, das sie sagt!"

„Was hast Du denn? Du bist unausstehlich heute!" Ihre heißen,
flirrenden Augen bohrten sich mit einem Ausdruck des Erschreckens
auf sein geröthetes, mißmuthiges Gesicht.

„Und wie Du Dich dekolletirt hast!"

Eine Lust, sie zu quälen, Hatto ihn gepackt, sie seine Verstimmung
entgelten zu lassen. Er fühlte, daß das Ende kommen müsse, zwischen
ihr und ihm; nicht heute, nicht morgen, aber in absehbarer Zeit;
daß er sich lächerlich machte, wenn er noch länger als „Hausfreund"
galt bei der verblühten Frau. Und doch war er so an sie gewöhnt.
Das „dreieckige verhältniß", das nun seit 8 Jahren bestand, hatte
etwas so Behagliches. Ihr gutmüthiger Mann, der
nur für sein Geschäft lebte, zeigte niemals eine Spur
von Mißtrauen; im Gegentheil, es herrschte eine ge-
wisse Freundschaft zwischen ihnen, witzmann gehörte
sozusagen zur Familie! Jeden Sonntag kam er zu
Mittag. An den wochcnabonden wurde zwei Mal
lvhist gespielt. Man aß und trank so gut bei Rudhofs. Und
das alles sollte nun aufhören!

Der Aerger über diesen Gedanken, der sich ihm noch nie so
unabweisbar aufgedrängt hatte, machte ihn grausam und hart.

Ludmilla hatte Ulühe ihre nervöse Unruhe zu verbergen und
sich mit gelassener Miene, die nichts verricth, weiter zu fächeln.
Linen Moment lang schien es ihr, als läge seinem Vorwurf
über ihren zu weiten Ausschnitt eine Eifersucht zu Grunde, die
sie beglückt hätte.

wie war er in der ersten Zeit so wild und närrisch ge-
wesen, wenn ein Anderer sie nur anblickte! Aber nein! Nun
glitten seine Augen viel zu kalt über ihre vollen Schultern hin.
Nun glühten seine Lippen nicht mehr von leidenschaftlichen
wünschen! was sie lange gefürchtet, das stand ihr plötzlich er-
schreckend nahe, das rückte niederschmetternd an sie heran in
diesem schwülen Gemach, vor dem Tisch mit den Bowlegläsern;
vor den plaudernden Menschen, vor der Vase mit den betäubenden
Tuberosen, während Witzmann neben ihr grimmig seine Ligarre
rauchte und sie unhöflich anschwieg. Das Ende, das Ende!

Unter dem glänzenden, hellgelben Atlas, unter den Spitzen
und Steinen schlug ihr Herz voll Zorn und Haß. Haß auf

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Heinrich Nisle: Zierleiste
Emma Merk: In festen Händen
A. Kassau: Heimkehr
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