Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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1900

. JUGEND .

Nr. 45

Herbstlaunen

Regenwind und Sonnenglitjern,

Alles bunt aus einem Copf,
Freudenrausch mit Cbränenspritjern,
Launisch wie ein fßädcbenkopf.

Grünes Gras und welke Blätter,

Und im Blut ein Sturmrumor,

So ein ricbt’ges Jlßädelwetter:

Balt Dich warm und sieb Dich vor!

F)uU Da fliegt der fjiut vom Schädel,
Und sie kichern ungeniert,

So zwei ricbt’ge ®Hettermädel,
ünd wer weiss, was noch passiert.

Frühlingsträume, Gliederschmerzen,
önd noch Scblimm'res. Gott erbarm!
Hasse Füsse, heisse perzen —

Sieh Dich vor und halt' Dich warm!

14.0ry Towska

Geheilt

von Mathilde Serao

Menn die Augenblicke leidenschaftlicher Erreg-
ung vorüber waren, die Stunden in süßem
Geplauder dahinflossen, und die Liebe sich zwang-
los in traulichen Mittheilungen ergoß, dann er-
zählte Flavia gern ihren: Geliebten von ihrer
Kindheit, jener glücklichen Zeit, wo Alles Sonnen-

Ijerbsllaurien

schein und Glanz gewesen war. Von solchen Er-
innerungen bewegt, blickte sie auch heute wie
träumend in die Ferne und sprach mit vor Er-
regung stockender Stimme von all' dem Glück,
öas die Liebe der Mutter ihr bereitet. Aber eine
plötzliche lvehniuth däinpfte jene Erregung, und
sie flüsterte mit unsicherer Stimme vor sich hin:
Ach ja! meine gute Mutter! — wie um sich aus
dieser traurigen Stimmung zu reiße::, ergriff sie
Eaesar's pand, blickte ihm in die Augen und
sagte: Erzähle mir nun auch von Deiner Jugend,
mein perz!

Eaesar, der behaglich in stiller Glückseligkeit
seine Cigarre rauchte, lächelte.

Ich bin ein kräftiger, überinüthiger, wilder
Bube gewesen, Liebchen, das ist Alles.

And weiter nichts?

Nein, weiter nichts.

Dann — — sprich mir von Deinem Kinde,
sagte sie, und legte das Köpfchen bittend auf die
Seite.

Caesar wurde ernsthaft und blickte sie einen
Augenblick mißtrauisch an. Aber in Flavia's
Augen lag so viel bescheidene Neugier, ein so
warmes Interesse, daß sein Zweifel schwand.
Mit stolzem Lächeln erzählte er als glücklicher
Vater von seinem Knabe», der nach seinem Groß-
vater Paul heiße und nicht mehr Baby genannt
sein wolle, da er schon ein großer Junge von
*0 Jahren sei.

Ejat er Dein blondes paar? fragte Flavia mit
hingebender Aufmerksamkeit.

Ja, es ist blond und sehr kraus. Er wird
bös, wenn ich ihn mit seiner Perrücke necke; er
ist überhaupt sehr eiupfindlich und kann keinen
Spaß vertragen. Dann wird er blaß, weint aber

Adolf Münzer (Paris)

nicht, sondern setzt sich schmollend in einen Winkel,
und antwortet nicht, wenn man ihn anredet. Er
kann so ernsthaft sein, wie ein erwachsener Mann.

Er ist gewiß ein zartbesaitetes Kind, wendete
Flavia voll Rührung ein.

Nicht doch; er ist nur gar zu empfindlich, und
das muß ich ihm abgewöhnen, wenn er nicht un-
glücklich werden soll, Wer zu viel Liebe fordert
und zu viele Wünsche hegt, die ihm nicht gewährt
werden können, der leidet und ist ein bedauern?-
werthes Geschöpf.

Es trat eine peinliche Stille ein

Da die Unterhaltung auf's Neue bei der Liebe
angelangt war, hatte sie ihre Unbefangenheit ver-
loren. Caesar versuchte das Gespräch über den
Knaben wieder aufzunehmen, aber auch das wurde
bedenklich; denn, wenn er von Paul sprach, stieg
unwillkürlich das Bild der Mutter, jener jungen
verrathenen Gattin, in: pintergrunde aus, und
Achtung vor der armen verlassenen, sowie Zart-
gefühl gegen die Dame seines perzens, verwehrten
ihm, den Namen der Gattin vor der Geliebten
auszusprechen. Er schwieg deshalb. Aber plötz-
lich stand Flavia auf, trat aus ihn zu und sagte
mit jenem echt weiblichen Schmeichelton, der Alles
zu erlangen weiß:

Warum bringst Du mir den Knaben nicht
einmal?

Es war das erste Mal, daß Flavia die sonder-
bare Frage an ihn stellte. Caesar wurde peinlich
dadurch berührt, und entgegnete lebhaft:' Welch'
eine Thorheit! Aber Flavia ließ nicht von dem
Thema ab. Sobald Caesar sich ihr wieder zärt-
lich zuwandte, war sie ganz Güte, ganz Eingeb-
ung, nur um ihn zu veranlassen, das Kind ihr
zuzuführen, und so oft er das Gespräch abzulenken

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Adolf Münzer: Herbstlaunen
Kory Towska: Herbstlaunen
Mathilde Serao: Geheilt
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