Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 47

JUGEND -

1900

P. Haustein (München)

Die Schnitter

ing ich durch die frühen felder,
Klang ein Lied im Morgenwind,
^Heckte die verträumten Mälder,
Hntwort gaben sie geschwind.

folgt ich den umbuschten <Qegen,
Zwischen flieder, Kuss und Dorn,
Kamen Schnitter mir entgegen,

Sangen vier, fünf Mädchen vorn.

Junge Dirnen, rothe Mangen,

Helle Hugen, morgenklar;

Hrm in braunen Hrm gehangen,
Schritten sie voran der Schaar.

Ihnen nach, die Sensen blinkten
Erntefroh im Sonnenschein,

Hltes Volk. Zwei Greise hinkten
Mürrisch schmauchend hintendrein.

Mar kein junger Bursch im Zuge,

Der den Dirnen schön gethan,

Kahm ich mir das Recht im f luge,

Ob auch scheel die Riten sahn.

Kichern, Lachen, Stossen, Drängen ;
Eine nur, die Blonde, liess
Ihren Mund verächtlich hängen,

Mie die Braune sie auch stiess.

Milkst Du keinen Blick mir schenken,
Bist Du auch die Schönste, Kind,
Merd ich mich darum nicht kränken,
Lieb' am Meg verwebt im Mind.

Koch ein Kichern, Kreischen, Scherzen,
Kusshand, und des Meges ziehn
Vier verliebte Mädchenherzen,

Hnna, Dorten, Gret’, Kathrin.

Ziehn auf's feld dem reichen Pächter;
Qm den letzten Heckenstrauch
Mehte noch ein hell' Gelächter
Qnd ein Molkchen Knasterrauch.

Gustav Talk«

Der Herr Professor

Line TNünchner Silhouette von Edgar Steiger

„Spielen S' eins, Herr Professor I Spielen S'
einsl Aber was Lustiges I"

Der Alte setzte sich an's, Klavier. Die Gas-
flamme warf seinen Schattenriß auf die zerrissene
Tapete: dünne, zitternde Locken, eine fleischige Nase
und darunter vorstehend zwei wulstige Lippen, die
beständig Kaubewegungen machten. Einen Augen-
blick saß er, die steifen Hände reibend, den ver-
krümmten Oberkörper weit vorgebeugt, leise knur-
rend auf seinem Stuhl. Die Stirne ruhte fast auf
den Tasten, während die ungeheuren Füße, die in
noch größeren Stiefeln staken, nach dem Pedal
angelten.

„Eigene Eomposition?" Da ihm die wackeln-
den Lippen beim Sprechen stets aufeinanderschlugen,
hörte man jede Silbe doppelt.

„Ja, ja! Was von Ihnen, Herr Professor!"

Und er spielte seinen Walzer — den einzigen,
den er in seinem siebzigjährigen Leben komponirt
hatte. Seine gichtischen Finger tanzten fiebernd
. auf den Tasten. Das alte Klavier quitschte unter
ihren Schlägen. Die vorgequollenen Augen liefen
der rechten Hand bei allen ihren Sprüngen nach.
Der zitternde Kopf mußte mit. Die geifernden Lip-
pen brummelten leise Schimpfworte, wenn einer
der steifen Finger einmal daneben griff oder eine
der ausgeleierten Tasten stecken blieb.

„Ta'mtamtam! Ta'mtamtam! Ta'mtamtam...

War das die Anna? Wahrhaftig! Sie tanzte
mit dem faden Theodor! Wie man nur Theodor
heißen kann! Und dabei ist der Kerl dumm,
strohdumm! Kaum daß er nothdürftig a Sonat'n
klimpern kann. Bom Contrapunkt koa Spur! Aber
tanzen kann er und schön thun und dumms Zeug
schwätz'n mit die Weibsleut und mit die Manderln.
Drum hat 'it aa 's Annerl g'nomm'n. Und er ihr
Geld. Und Professor is er aa word'n, a wirk-
licher Professor an der Akademie der Tonkunst...
dort, wo sie die Schweine singen lehr'n und die
Gänse klavierspiel'n... Hahaha! Aber seine Prü-
gel hat er aa meg. Der Mann, der den englischen
Garten erfunden hat, sei gepriesen I Was der Zier-
bengel für Angstaug'n g'macht hat, mie i plötz-
lich vor ihm steh und ihm d' Faust unters Kinn
halt. . . Hurrjeh I Wie dem 's Klavierspiel'n ver-
ganga is! Aber mir aal Rausg'schmiss'n ham's
nii, die Herren mit 'n Frack und d'r weiß'»
Cravatt'n! Pfnat Gott! Hab' i g'sagt. Ich werd'
aa ohne Enk a großer Künstler wer'n. Jawohl!
A großer Künstler, der im Odeon spielt und im
Kaimsaal, und dem sie in Petersburg und London
jede Not'n mit oauenr Goldstück znhl'n! Auslach'n
will ich Euch alle, ihr Schulfuchser und Tonleiter-
kletterer I... Euch und Euresgleichen ... Gesindel..
Auslachen? Hahaha! Wer wird jetzt ausg'lacht?
Klavierstunden ä 8 Kreuzer und a leerer Magen
und ringsum n ganzes Regiment. . . was sag'
i? a Brigad'... was sag' i? a Division...
a ganzes Armeekorps, das aa Klavier spielt Tag
und Nacht und Nacht und Tag... Der Teufel
hole die Kunst!... Betteln is ein edles Hand-
werk I Betteln nährt seinen Mann... hihihi! Das
weiß keiner besser als ich - . . Bettelmann...
Bettelmann ... Bettelmann... Tamtamtamtam!"

Der Alte zog die schweren Beine an sich und
räkelte sich langsam am Klavier empor. Auf den
Noten lag sein großer schwarzer Schlapphut. Der
Herr Professor trat mit ihm seinen Rundgang
durch die Wirthsstube an. Die Zwei- und Fünf-
pfennigstücke prasselten hinein. Hier und da drückte
sich ein Gast auf französisch. Die Ernte war
mager.

„Man merkt's gleich, wenn man dem Preuß-
ischen näher kimmt. Hier in Schwabing draußen
haben die Leut viel weniger Kunstverständnis; als
in Sendling oben," knurrt der Alte und macht
sich langsam fertig zum Weitergehen. Während
er bedächtig den Ueberzieher umlegt, schielt er
lüstern nach deni vollen Glas Bier, das der Student
am Nachbartische vor sich hat. Aber vergebens.
Seufzend wendet er sich ab.

Da spuckt einer der Gäste neben ihm auf den
Fußboden. Wie von einer Tarantel gestochen,
springt der Alte bei Seite. Eine Fluth von
Schimpfworten kollert über seine wackelnden Lippen,
und als wolle er einen bösen Zauber bannen,
stellt er sich dem Uebelthäter breitbeinig gegenüber
und spuckt seinerseits dreimal auf den Boden.
Dann hrunpelt er knurrend wie ein Hund zur
Thür hinaus.

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Edgar Steiger: Der Herr Professor
Gustav Falke: Die Schnitter
Paul Haustein: Zierleiste
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